gottscheerland.at + + +  Die Geschichte der Gottschee (9)


Krieg

 

Die Geschichte der Gottschee  20/2. Jahrhundert
Dr. Erich Petschauer, 1980
Aus dem "Jahrhundertbuch der Gottscheer"

Einige Wochen des Lagerlebens waren vergangen und des Suchens, Fragens und Schreibens nach den engsten Verwandten, Freunden und Nachbarn war kein Ende. Endlich trafen die ersten Briefe aus den Vereinigten Staaten ein, familiäre Freudensbotschaften und Trauernachrichten, aber auch die Ankündigung, daß Hilfe vorbereitet werde
.
Im Jahre 1946 bewiesen die Amerika-Gottscheer, daß der in Jahrhunderten gewachsene Geist der Nachbarschaftshilfe in den Steinwüsten der Millionenstädte nicht erloschen war. Nach umfangreichen Vorbereitungen wurde 1946 das "Gottscheer-Hilfswerk" mit dem Ziel ins Leben gerufen, den schwer geprüften Landsleuten in Europa so rasch und so umfangreich wie möglich beizustehen. Über das Zustandekommen der Hilfsorganisation berichtet das Festbuch anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens das Folgende:

"Bei den Hauptversammlungen der Gottscheer Vereine in Ridgewood wurden bereits im Januar 1945 provisorische Komitees erstellt, die sich mit dem Problem einer Hilfsaktion befassen sollten. Das Ende des Krieges, mit seinen chaotischen und grausamen Folgen für unsere Landsleute in Europa, drängte zur Tat. Um dem an den Folgen einer tragischen Politik der Kriegsmächte, im Elend gestrandeten Gottscheer Völklein zu helfen, war eine großzügige und koordinierte Hilfsaktion notwendig. Da die Satzungen der bestehenden Gottscheer Vereine für ein solches Unternehmen nicht geeignet waren, wurde am 23. Mal 1945 eine Versammlung ins Gottscheer Klubhaus einberufen, an welcher sich folgende Vereine beteiligten
 

Gottscheer Kranken-Unterstützungsverein Österreichischer Männer-Kranken-Unterstützungs-Verein
Gottscheer Central Holding Company Gottscheer Männerchor
Gottscheer Damenchor Deutsch-Gottscheer Gesang-Verein
Gottscheer Vereinigung.  

Später traten noch der Gottscheer Kranken-Unterstützungs-Verein von New York, der Gottscheer Kegelklub und der Fisch- und Jagdklub bei, und nach seiner Gründung im jähre 1951 auch der Fußballklub Blau-Weiß Gottschee.

Aus deren Reihen wurden dann 19 Vertreter als provisorischer Beamtenstab für das Hilfswerk erwählt. Sogleich wurde mit Geld- und Kleidersammlungen begonnen. Leider gab es noch keinen Postverkehr nach Europa, und außerdem waren Sendungen an Privatpersonen oder Gruppen nicht erlaubt. Nur kirchlichen Organisationen war es gestattet, Medikamente an Lazarette und Flüchtlingslager zu senden.

Im März 1946 schloß sich das Gottscheer Hilfswerk der "Katholischen Kriegshilfe Konferenz' (N. C. W. C.) an und steuerte 6000 Dollar bei, mit der Erwartung, daß die notleidenden Gottscheer in Europa wenigstens teilweise bei der Verteilung in den verschiedenen Ländern berücksichtigt werden.

Nach Überwindung vieler Schwierigkeiten gelang dann am 15. April 1946 endlich die gesetzliche Eintragung des Gottscheer Hilfswerkes (Gottscheer Relief Association, Inc.). Zu betonen wäre hierzu, daß damit das Gottscheer Hilfswerk als erste Organisation in Amerika befugt war, für die eigenen Landsleute zu arbeiten. Jetzt lief die Arbeit mit großem Schwung an. Aus jeder Ortschaft wurde ein Vertrauensmann beauftragt, die Anschriften der Landsleute einzubringen und in kurzer Zeit wurden mehr als 2000 Gottscheer Familien erfaßt. Die Relief News, nach Bedarf erscheinend, sorgten laufend für die nötige Aufklärung unter den Landsleuten, und die darin enthaltene Spalte "Verwandte und Freunde gesucht", stellte für Hunderte die seit Jahren unterbrochene Verbindung wieder her. Durch die enge Verbindung zum N. C. W. C. konnten wichtige Informationen eingeholt und veröffentlicht werden. Ein Appell im Gottscheer Dialekt wurde zwei Monate lang, eine halbe Stunde wöchentlich, über den Sender WWRL ausgestrahlt. Korrespondenzen, Drucksachen, Radiosendungen die vielen Reisen, besonders späterhin Transportkosten usw., wurden von den betreffenden Amtierenden aus privaten Geldern bestritten und alle gesetzlichen und sonstigen Arbeiten vollkommen kostenlos erledigt.

Als dann die noch heute bestehende Hilfsorganisation "Care" entstand, wurde sofort Verbindung aufgenommen und bald darauf wurden die ersten 1000 Care-Pakete zum Preis von 15.000 Dollar abgeschickt. Zu dieser Sendung steuerte auch die Cleveland-Gruppe 5000 Dollar bei. In den nächsten Jahren folgten dann noch weitere 3000 Care-Pakete. Tonnen von Kleidern sowie Milch- und Eierpulver.

Zunehmend wurde es schwieriger, die finanziellen Mittel aufzutreiben. Wohl deckten die Spenden im ersten Jahr alle Ausgaben mit einem Überschuß, auch die oben angeführten landsmännischen Vereine stellten zwei Jahre alle Einnahmen ihrer Vereinsveranstaltungen dem Hilfswerk zur Verfügung, jedoch mußte für neue Einnahmsquellen gesorgt werden, sollte die Hilfsaktion nicht ins Stocken geraten. So wurde am 29. Juni 1947 das erste Picknick und Wohltätigkeitsfest in Franklin Square abgehalten, welches nicht nur ein ausschlaggebender finanzieller Erfolg war, sondern das größte aller Feste der Gottscheer wurde. Niemand ahnte damals, daß dieses Picknick fortan der Treffpunkt der Gottscheer aus aller Welt sein sollte. Nach 25jähriger ununterbrochener Folge ist dieses Fest mit seinen großen und kleinen Begebenheiten und Aktivitäten zum festen Bestandteil der Volkstradition geworden.

Am 26. Oktober wurde das Gottscheer Gedenkbuch herausgegeben. Außer dem finanziellen Beitrag, den dieses Buch damals leistete, wird es allen Verantwortlichen und Mitarbeitern immer zur Ehre gereichen, daß sie mit dieser Publikation ein historisches Werk für die nachfolgende Generation geschaffen haben.

In diesen Monaten erreichte die Sammel- und Hilfsaktivität ihren Höhepunkt und die Sendungen an die bedürftigen Landsleute gingen regelmäßig nach Europa. Hunderte von freiwilligen Mitarbeitern zählte damals das Hilfswerk; alle steuerten Zeit und Geld bei; die Opferbereitschaft kannte keine Unterschiede; es galt alles nur den in Not und Elend befindlichen Landsleuten. Die Verteilung überließ man vertrauensvoll den in den Nachkriegsjahren in Österreich und Deutschland organisierten Hilfsvereinen und Vertrauensleuten. Die Zukunft unserer Heimatlosen in Europa war in eine Wolke der Trostlosigkeit und Verzweiflung gehüllt, notdürftig in Lagern untergebracht, teilweise zur Untätigkeit verdammt und auf fremde Hilfe angewiesen, oder als Land- oder Hilfsarbeiter um den Lebensunterhalt der Familie kämpfend. Auf die Dauer waren diese Zustände nicht tragbar. Wegen dem nicht endenden Zustrom von Flüchtlingen war auf eine Hilfe von staatlicher Seite in Deutschland und Österreich zur Seßhaftmachung der Gottscheer Flüchtlinge damals nicht zu rechnen.

Der einheimischen Bevölkerung der österreichischen Länder aber sei an dieser Stelle nochmals herzlichst gedankt.

Das damals nicht reichlich vorhandene brüderlich geteilte Brot hat zahllose unserer Flüchtlinge vom Hungertode bewahrt. Einen Ausweg aus dieser Notlage zu finden, war lebenswichtig. Seit Jahrhunderten waren es die
Gottscheer gewohnt, sich das Brot in aller Welt zu verdienen, also mußte wieder eine Auswanderung in Betracht gezogen werden. Auch eine Einwanderung in die USA war damals nicht möglich, so wurden andere Möglichkeiten erwogen, wie Südamerika oder Kanada. Die Verhandlungen mit dem Vizekonsul in Venezuela ergaben kein befriedigendes Resultat. Längere Verhandlungen wurden mit kanadischen Stellen geführt, wo sich wohl eine Möglichkeit der Einzeleinwanderung, aber nicht die einer geschlossenen Ansiedlung ergab.

In der Zwischenzeit bewilligten die USA die Einwanderungsquote für Deutschland und Österreich für zwei Jahre. Nach vielen Verhandlungen und Überwindung starker Opposition wurde erwirkt, daß die Hälfte dieser Quoten für Volksdeutsche erlaubt wurde. Auf diese Weise sollten in diesen zwei Jahren 23.000 Volksdeutsche Flüchtlinge zur Einwanderung zugelassen sein. Laut Schätzungen der kirchlichen Organisationen gab es damals in Europa mehr als
11 Millionen Volksdeutsche Flüchtlinge. Das Gottscheer Hilfswerk, das in dieser Angelegenheit schon viel vorgearbeitet hatte, war bereits im Besitz einer Liste mit 11.000 Namen von Gottscheern, die von unseren Vertretern in den verschiedenen Lagern für eine eventuelle Auswanderung erfaßt worden waren. Durch die Verbindung mit dem N. C. W. C., der damalige Präsident des Gottscheer Hilfswerkes Adolf Schauer war persönlich Mitglied dieser Organisation, und durch unzählige Vorsprachen und Verhandlungen dieses Vertreters, war es möglich, sofort mit der Arbeit für unsere Einwanderer zu beginnen.

Das zur gleichen Zeit laufende "Displaced Persons-Gesetz", worin jedoch keine Volksdeutschen einbegriffen waren, wirkte sich leider sehr störend auf die Bearbeitung der Einwanderungsgesuche bei den betreffenden Behörden aus. So kam es, daß nach Ablauf der zwei Jahre von der bewilligten Zahl nur 10.400 Volksdeutsche einwanderten, darunter noch viele Unberechtigte. Immerhin waren unter diesen Einwanderern auch 2000 Gottscheer, also beachtliche 20 Prozent anstatt ein Zehntel Prozent des gesamten Flüchtlingsverhältnisses. Leider mußten damals viele unserer Landsleute, die bereits in Salzburg auf ein Visum warteten, enttäuscht wieder umkehren.

Erst als am 16. Juni 1950 Präsident Truman ein Gesetz unterzeichnete, welches die einwanderungsunterschiede (Discrimination) abschaffte, kam wieder Leben in die Volksdeutsche Einwanderung. Bei den nun folgenden Konferenzen der N. C. W. C. und D. P. C. (Displaced Persons Commission) wurde aber das Problem der Volksdeutschen immer zuletzt behandelt. Unter diesem Gesetz benötigte jeder Einwanderer eine Arbeits- und Wohnungszusicherung (Assurance), die wiederum in großzügiger Weise und Zahl von den Gottscheer Unternehmern hier gestellt wurden. Es war dies keine leichte Angelegenheit, denn die Wohnungen waren damals knapp und die finanziellen Mittel bemessen, und außerdem war sich niemand darüber klar, in welchem Maße der Zusicherungsgeber im Notfalle zur Verantwortung gezogen werden könnte. Bei einer Konferenz in Bellville, III., versprach auch Father Zurin von Missouri Zusicherungen für 50 Gottscheer Familien. Zwei Monate später fand in Milwaukee eine zweitägige Konferenz statt, bei der Bischof Swanstrom vor den D. P. C. und N. C. W. C. - Vertretern sehr stark für das Problem der Volksdeutschen eintrat. Dies belebte die Sache der Einwanderung wieder. Trotz der Schwierigkeiten, genügend Arbeitsplätze und Wohnungen zu beschaffen - unsere Landsleute gingen nur ungern auf "Farmen" - ging einigermaßen alles glatt..."

Die vorstehenden Ausführungen vermitteln uns nicht nur die Gründungsgeschichte des Hilfswerks, sondern auch ein knappes Bild des Lebens der Gottscheer in New York. Wir erfahren vor allem, daß sie über eine ganze Reihe von Organisationen verfügten mit denen wir uns noch beschäftigen werden. Zunächst bedürfen jedoch zwei Punkte aus dem obigen Zitat einer Erläuterung:

Die elftausend, von der "Relief Association" ermittelten, hilfsbedürftigen Gottscheer sind nicht gleichzusetzen mit den 1941 von der EWZ durchleuchteten Umsiedungsberechtigten. Natürlich handelt es sich bei dieser Zahl hauptsächlich um Flüchtlinge aus der Untersteiermark, jedoch befanden sich darunter auch Landsleute die unter Umständen bereits Jahrzehnte vorher nach Österreich ausgewandert und nun durch den Kriegsausgang in materielle Not geraten waren.

Hingegen sind andererseits Flüchtlinge aus irgendwelchen Gründen nicht erfaßt worden. Ferner verdient, festgehalten zu werden, daß die Amerika-Gottscheer nicht nur über ihr Hilfswerk, sondern auch privat noch Unmengen von Paketen nach Europa sandten. Es dürfte schwer sein, in Österreich und Deutschland einen damals bereits erwachsenen Gottscheer zu finden, der dieser großartigen menschlichen Leistung nicht teilhaftig geworden wäre.

Eine ergiebige Geldquelle wurde dem "Gottschee-Hilfswerk" mit einer ergreifenden Dokumentation der Nächstenliebe erschlossen, dem "Gedenkbuch 1330 - 1947". Unter der redaktionellen Leitung des Rechtsanwalts und Notars John Kikel erarbeitete ein Ausschuß binnen kürzester Zeit ein reich bebildertes Buch mit geschichtlichen Ausführungen über die einzelnen Gottscheer Dörfer und Gemeinden, wie sie bis 1933 bestanden. Sinn und Zweck dieses in der Gottscheer Literatur einmaligen Werkes waren jedoch Inserate unterschiedlicher Größe, für welche die Auftraggeber erhebliche Beträge aufwandten. Die weiteren Spender sind unter Angabe ihrer Namen und Herkunftsorte, samt Hausnummer, aufgeführt. Die meisten von ihnen waren schon jahrzehntelang in den USA ansässig. Rund 2300 Namen finden wir dort.

Es wäre ein unverzeihliches Versäumnis in den Augen der Empfänger von Liebesgabensendungen, würde man die Namen der Männer und Frauen aus dem Gottscheerland, die das "Gottschee-Hilfswerk" gemeinsam ins Leben gerufen haben verschweigen. Neben ihren Namen sollen auch die Herkunftsorte stehen, denn daheim war es alter Brauch, wenn zwei einander fremde Landsleute sich trafen, lautete die erste Frage:

"Won bu sheit
ar ?" (Von wo seid Ihr?)

Dem Gründungsausschuß gehörten laut Festbuch von 1971 am 23. Mai 1945 die folgenden Persönlichkeiten an:

Frank Deutschmann aus Suchen bei Nesseltal Josef Meditz aus Nesseltal
Alois Fink aus Klindorf John Petschauer aus Tschermoschnitz
John Kikel als Altlag Ferdinand Sbaschnig aus Masereben
Mary Gregoritsch aus Stockendorf Adolf Schauer aus Oberwarmberg
Maria Högler aus Göttenitz Viktor Schauer aus Niedermösel
Mary Hönigmann aus Windischdorf Josef Schneller aus Nesseltal
Rudolf Kump aus Buchberg Karl Stalzer aus Büchel
Mathias Lackner aus Prerieg Fanny Staudacher aus Büchel
Frank Meditz aus Nesseltal Ferdinand Stimpfel aus Mooswald
Hilda Meditz aus Nesseltal  

In ebenso dankbarer Würdigung seien die Namen der bis zum Erscheinen dieses Werkes wirkenden Präsidenten des "Gottschee-Hilfswerkes" bzw. der "Relief Association, Incorporation" genannt:

Adolf Schauer aus Oberwarmberg (1946-1950) Karl Stalzer aus Büchel (1956-1965)
John Kikel aus Altlag (1951-1953) Ernst Eppich aus Unterdeutschau (seit 1966)
Josef Hoge aus Altlag (1954/55)  

Nicht nur in den Vereinigten Staaten finden große Veranstaltungen der Gottscheer statt, sondern auch in Europa. Die größte Zahl an Besuchern weist jedoch das "Volksfest" im Plattdeutschen Park zu New York auf. Je nach Witterung erscheinen vier- bis fünftausend Besucher. Das "Gottscheer Volksfest" gehört zu den größten landsmannschaftlichen Veranstaltungen der Deutsch-Amerikaner in New York. Der äußere Rahmen und Ablauf entsprechen am ehesten einem überdimensionalen Kirchweihfest daheim, einem "Kirtog". Lange Tische unter alten Bäumen erinnern an irgendein Wirtshaus im "Ländchen". Eine riesige Schallmuschel verrät, daß dieser Park für Volksfeste mit Blechmusik angelegt wurde. Den Gottscheern dient sie jedoch als Rednertribüne. Farbenfrohe Dirndltrachten beleben das heitere Bild.

Überlagert ist die festliche Kulisse von einem hochgestimmten Schwirren gottscheerischer Laute und dem immer neu aufklingenden Lachen der fröhlichen Festbesucher. In den ersten Jahren des "Volksfestes" wurde das Stimmengewirr vielfach unterbrochen von lauten Zurufen, Menschen stürzten aufeinander zu und hielten sich minutenlang mit den Händen und den Augen fest. Manche hatten sich dreißig, vierzig, andere fünfzig Jahre nicht mehr gesehen. Nachbarskinder, die fast geschwisterlich miteinander aufgewachsen waren, Jugendfreunde und -freundinnen, alte Kameraden aus gemeinsamer Militär- und Kriegszeit hatten sich wieder.

Und doch besteht ein tiefgreifender Unterschied zwischen dem "Gottscheer Volksfest" in New York und einem "Kirtog" daheim. Wenn sie so beieinander stehen, forscht heimlich jeder im Antlitz seines Gegenübers nach den Gesichtszügen der Kinderzeit - und findet sie, verborgen unter der Erinnerung an das Wunderland der Jugendtage. Alles blüht auf, was damals allein wichtig war, das Elternhaus, das Dorf, seine Kapelle, die unvergessenen Wege vorbei an den Bildstöcken und Feldkreuzen in die Wiesen und Wälder, die oft geheimnisvoll drohenden, dunklen Gottscheer Wälder. Die Spielplätze, die Schule, die Kirche und der Friedhof drängen sich in das Bild, durch das spielende Kinder toben, die Mutter ernst und schweigsam schreitet. Alles kommt ihnen viel größer und reicher vor, als es in Wirklichkeit war, denn die Enge und das Entbehrenmüssen sind vergessen. Viele, viele alte Gottscheer kommen aus der Tiefe des nordamerikanischen Raumes, plötzlich müde geworden des Übermaßes an Fremde, zu diesem Rastplatz der Heimatliebe, die nur noch das versunkene Traumland des Lebensfrühlings gelten läßt.

Vor dem eingefriedeten Festplatz aber stehen Hunderte jener Zeugen dafür, wie sich harte Arbeit lohnt, Automobile, von denen manche mehr kosten, als ein kleiner oder mittlerer Gottscheer Bauer in seinem ganzen Leben eingenommen hat.

Ein weiterer Unterschied zu einem heimischen "Kirtog" sind die offiziellen Ansprachen. Zuhause stand die Predigt des Pfarrers im Mittelpunkt. Im "Plattdeutschen Park" werden die Gäste von der Festleitung und dem Präsidenten des "Gottschee-Hilfswerkes" feierlich begrüßt, namentlich jene aus Europa. Unter ihnen befindet sich immer wieder Pater Mathias Schager aus Meierle. Er ist als Pfarrer in Wien tätig. So oft der Pater das "Volksfest" besucht, liest er einige Wochen später in Neu-Gottschee eine Feldmesse. "Neu-Gottschee" ist ein Gelände in der Landschaft Walden, 60 Meilen westlich von New York, das der Gottscheer "Country-Club" erworben und mit weit auseinanderstehenden Landhäusern im gängigen amerikanischen Stil bebaut hat. Trotz der beträchtlichen Entfernung wohnen jedesmal mehrere hundert Gottscheerinnen und Gottscheer dem Gottesdienst bei, um sich von diesem Ereignis mit seinem eigentümlichen Stimmungsgehalt erneut in der Abstammung bestätigt zu fühlen. An der Rückseite des Clubhauses ist, reich mit Grün geschmückt, der Feldaltar aufgebaut. In wenigen Metern Entfernung scharen sich die Gläubigen tief gestaffelt in einem weiten Bogen um den Altar. In ihrer Mitte steht eine Gruppe von Frauen. Sie singen ohne einen Dirigenten die "Deutsche Messe" von Franz Schubert.

Eine zweite, ländliche Ansiedlung von Gottscheer Landsleuten in aufgelockerter Form befindet sich in Hawley, Staat Pennsylvania. Sie ist in einem Raum von etwa 5 Quadratkilometern verstreut, dort stehen bereits 52 in moderner Art gebaute Einfamilienhäuser auf Grundstücken im Ausmaß von jeweils 5000 bis 50.000 Quadratmetern. Die meisten davon sind direkte Nachbarn. Etwa 20 Gottscheer sind bereits Eigentümer von weiteren Baugrundstücken in diesem Gebiet. Die Gegend liegt zweihundert Kilometer von New York entfernt in der Pocono-Gebirgsregion (eine bekannte und gern aufgesuchte Sommerfrische). Sie ist der Landschaft sowie auch der Seehöhe nach unserer ehemaligen Heimat Gottschee ähnlich. In diesem Raum liegt auch die beliebte Gaststätte "Lukans Farm" der Familie Lukan aus dem Gottscheer Unterland.

Um das Hilfswerk aufzubauen und mit Leben zu erfüllen und um eine Veranstaltung wie das "Volksfest" aufzuziehen, bedurfte und bedarf es zahlreicher freiwilliger Helfer und einer Anzahl von Männern und Frauen, die organisieren können und bereit sind, sich unter erheblichen, persönlichen Opfern an die Spitze zu stellen.

Die Präsidenten des Volksfestes waren:

1947 Anton Gliebe 1960 Albert Belay
1948-1952, 1959 Ignaz Kreuzmayer 1961-1963, 1966 bis heute Richard Eisenzopf
1954/55 Karl Stalzer 1964/65 Ernst Eppich
1956 Fred Sumperer  

Besonders hervorzuheben ist hier die Leistung von Richard Eisenzopf aus Hohenegg, dem die Festleitung schon 15 Jahre anvertraut wurde. Für seine Verdienste wurde er zum "Ehrenrat" des "Gottscheer Hilfswerks" ernannt und ist Ehrenmitglied der Gottscheer Landsmannschaft in Klagenfurt.

Die Kraft für ihre Opferbereitschaft erwuchs ihnen allen aus einem Aufruf des Gewissens, den eine Hinterbergerin in ihrem Inserat in die schlichten Worte kleidete: "Vergeßt den Gottscheer nicht in seiner Not!"

Die materielle Gesamtleistung der Gottscheer in USA und Kanada ist statistisch nicht erfaßt und wohl auch nicht erfaßbar. Wenn allein schon das "Gottscheer Hilfswerk" den Wert der Liebesgabenpakete, die über seine Organisation abgefertigt wurden, mit rund 100.000 Dollar beziffert, so sind darin die ungezählten Einzelsendungen an Verwandte, Freunde und Unbekannte noch nicht Inbegriffen. Nicht bewertbar ist auch das ideelle Kapital dieser einzigartigen Nachbarschaftshilfe, weil sie sich in Geld nicht ausdrücken läßt. Man kann ihr Vorhandensein bestenfalls erklären und zwar aus der Geschichte des Gottscheerlandes und aus den zahlreichen Vereinigungen zur Pflege gemeinsamer Erinnerung an das ferne "Ländchen".

Bei der Wahl des Vorstandes des Gottscheer Hilfswerks wurde 1966 Ernst Eppich zum Präsidenten erwählt. Er ist am 10. April 1920 in Unterdeutschau geboren und wanderte 1952 in die USA aus. Der gesamte Vorstand setzte sich damals aus Neueinwanderern zusammen. Diese jungen Leute sind mit aller Kraft und auch einem gewissen Ehrgeiz an die Arbeit gegangen, um zu beweisen, daß sie aus Dankbarkeit für die früher empfangenen Hilfesendungen bereit sind, weiterhin Hilfe an die noch immer in Not befindlichen Landsleute in Europa zu bieten.

Damals wurde auch das heute noch funktionierende Kulturkomitee gebildet. Sofie Moschner, die Leiterin dieser Vereinigung, hat durch ihre persönliche Hingabe und Bereitschaft den größten Anteil an den Erfolgen. Sie bildete die Gottscheer Trachtengruppe, die bei allen größeren Anlässen und Festlichkeiten in Erscheinung tritt. Alle Gottscheer Vereine mit dem Gottscheer Hilfswerk an der Spitze unterstützten auch den Deutschen Schulverein von New York. Sie erachten es als sehr wichtig, daß die Kinder von Gottscheer Eltern die Deutsche Schule besuchen.

Der jetzige Leiter des genannten Kulturausschusses, Albert Belay, veranstaltet alljährlich für jung und alt Weihnachtsfeiern im Gottscheer Klubhaus.

Die alten Weihnachtsbräuche aus der verlorenen Heimat werden erneuert, Gedichte und bekannte Weihnachtslieder werden von Kindern und den Gottscheer Chören vorgetragen. Kinder und betagte Landsleute werden durch Weihnachtsgaben erfreut.

Seit dem Jahre 1965 beteiligen sich die Gottscheer von New York auch an der großen Steuben-Parade der Deutsch-Amerikaner, die jedes Jahr in der 5th Avenue in New York abgehalten wird. Eine große Anzahl der Mitglieder der angeschlossenen Vereine nehmen daran teil. Die jeweilige Miß Gottschee mit ihren Prinzessinnen, die Gottscheer Trachtengruppe, die alljährlich Aufsehen erregt, sowie eine große Gruppe der jungen Fußballer von "Blau-Weiß Gottschee" marschieren mit.

In der Vermögensentschädigung hat sich das Gottscheer Hilfswerk mit großer Energie eingesetzt, um die Wiedergutmachung für unsere Landsleute in den USA zu erlangen. Es wäre falsch, einen Mann zu vergessen, der sich voll und ganz für die Entschädigung des Vermögens verwendet hat: Sein Name ist Josef Novak aus der Stadt Gottschee. Schon 1970 wurde er in Anerkennung seiner Verdienste vom Gottscheer Hilfswerk zum "Ehrenrat" ernannt.

Heute besteht eine reibungslose Zusammenarbeit unter den Gottscheer Organisationen von New York. Diese Tatsache ist nicht zuletzt der umsichtigen Arbeit des Präsidenten des Gottscheer Hilfswerks, Ernst Eppich, und seiner 12 jährigen Amtszeit zuzuschreiben.

Die erste Vereinsgründung zur gegenseitigen Hilfeleistung in Cleveland/Ohio (1889) wurde bereits dargestellt. Alle Vereinigungen entstanden und bestehen aus Idealismus und dienen kulturellen, sozialen und sportlichen oder rein gesellschaftlichen Zielen. Organisationen mit politischen oder wirtschaftlichen Zielen haben die Gottscheer in der Neuen Welt auf landsmannschaftlicher Basis nicht hervorgebracht.

Nachstehend verzeichnen wir die in der "Gottscheer Relief Association" zusammengeschlossenen Organisationen, auch jene, die sich nach jahrzehntelangem Bestehen und Wirken aufgelöst haben. Als Quellen dazu dienten das "Gedenkbuch" 1330 bis 1947, die "Jubiläumsschrift" anläßlich des 25jährigen Bestehens des Gottschee-Hilfswerks 1971 und Berichte eines Arbeitskreises des Hilfswerkes.

Der "Gottscheer Männerchor" ist der älteste Gottscheer Verein ganz Nordamerikas, der eine besondere kulturelle Tätigkeit entfaltet. Er wurde am 1. April 1900 gegründet, und hat sich in den nun fast acht Jahrzehnten seines Bestehens den Ruf eines hochstehenden Klangkörpers erworben. Er erfüllt heute noch die bei seiner Gründung gestellte Aufgabe, wie die Pflege des deutschen und des Gottscheer Liedes sowie hilfsbereiter Nachbarschaft bei frohgemuter Geselligkeit nach Gottscheer Art. Der erste Präsident hieß Peter Stonitsch aus Unterdeutschau. Zum ersten Dirigenten wurde Julius Drück, ein zu jener Zeit sehr bekannter Musiklehrer, gewählt. Jetziger Dirigent ist Peter Freund, ein Donauschwabe, der nicht nur hohe musikalische Fähigkeiten besitzt, sondern auch viel Verständnis für das Gottscheer Liedgut mitbringt. Ihm vor allem verdankt der Gottscheer Männerchor seine anerkannten sängerischen Qualitäten.

Die Seele des Vereins ist jedoch seit dem Jahre 1937 sein Präsident Karl J. Stalzer aus Büchel, Gemeinde Nesseltal. Er wurde 1905 in Newark/USA in jene Gottscheer Generation hineingeboren, die in Scharen in die Vereinigten Staaten auswanderte, aber nur in geringer Zahl wieder heimkehrte, um mit den ersparten Dollars neu zu beginnen. Dies taten auch noch seine Eltern. 1923 zog der 18 jährige seinerseits die Auswanderung in die Vereinigten Staaten, seinem Geburtsland, den immer schwieriger werdenden Lebensumständen in der Heimat vor. Er ließ sich in New York nieder und begründete seine Existenz als Bautischler, wurde Baumeister und Unternehmer. Unmittelbar nach seinem Eintreffen tat er im Gottscheer Vereinsleben mit. Die Landsleute erkannten seine Fähigkeiten und übertrugen ihm zahlreiche Arbeitsposten in den Organisationen, denen nun schon fast 52 Jahre seine Freizeit gehört. Mit ungewöhnlicher Arbeitskraft ausgestattet, gelang es ihm, Ämter wie das des Männerchorpräsidenten mit jenem des ersten Vizepräsidenten der "Relief Association" und Präsidenten derselben Organisation (1956 bis 1965) zu vereinen. Das Gottschee-Hilfswerk verlieh ihm für seine große Leistung den Titel eines Ehrenpräsidenten. Die "Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer Landsmannschaften" (Sitz Klagenfurt) zeichnete ihn durch die einstimmige Verleihung des Gottscheer Ehrenringes 1977 aus. Der Ring wurde ihm in einer Feierstunde in New York überreicht.

1923 erhielt der "Männerchor" ein Gegenstück in dem "Gottscheer Damenchor". Es wurde Brauch, daß die beiden Chöre in jeder Saison als gemischter Chor mit einem umfangreichen Konzertprogramm vor die Öffentlichkeit traten. Der "Gottscheer Damenchor" löste sich 1957 auf. Ein weiteres Beispiel für die Sangesfreudigkeit der Gottscheerinnen in New York stellt der 1937 gegründete "Deutsch-Gottscheer Gesangsverein" dar. Derzeitige Präsidentin ist Sofie Moschner, geborene König aus Hohenberg. Ihre Vorgängerinnen waren Elsa Tscherne, Netti Wittmann, Luise Högler und Maria Stampfel-Graf, die vom Verein zu Ehrenpräsidentinnen ernannt wurden. Sofie Moschner, geboren 1922, wanderte 1955 nach New York aus, wo sie sofort eine tatkräftige Mitarbeiterin im Vereinswesen wurde. Große Verdienste hat sie sich, wie schon erwähnt, durch die Gründung einer Trachtengruppe innerhalb des Hilfswerks erworben. Auch ist es ihrem Einsatz zu verdanken, daß das Gottscheer Mundartlied zu einem Mittelpunkt in der Arbeit der "Gottscheer Chöre" (wie der Männerchor und der "Deutsch-Gottscheer Gesangsverein" auch genannt werden) geworden ist. Im Jahre 1967 erbrachte die enge Zusammenarbeit der Chöre eine Schallplatte mit 16 Gottscheer Volksliedern, eine Leistung, die damals einzig dastand und die sich würdig in die verdienstvollen Beiträge zur Erhaltung unseres Kulturgutes einreiht.

Dieser Frauenchor stützt sich heute nicht mehr allein auf die eingewanderten Gottscheerinnen, sondern auf ihre heranwachsenden Töchter, die bereits ein Drittel der Sängerinnen ausmachen. Sie liefern somit den Beweis, daß die Blütezeit des Chores noch nicht zu Ende ist.

War schon das Entstehen des "Gottscheer Männerchores" ein Zeichen dafür, daß die Zahl der Einwanderer aus der Sprachinsel bedeutend gestiegen war, wurde diese Tatsache am 24. April 1901 mit der Gründung des "Gottscheer Krankenunterstützungsvereines" unterstrichen. Er ist einer der ältesten Arbeiter-Selbsthilfe-Organisationen Amerikas. Der Mangel an sozialer Fürsorge und das Bedürfnis nach geselligen Zusammenkünften der Gottscheer Landsleute trugen wesentlich zu der Gründung dieses Vereins bei, die Unterstützung der Mitglieder in Krankheits- und Sterbefällen blieben jedoch bis heute der Hauptzweck. Erster Präsident wurde John Krisch. Man erkannte bald, daß der geringe Mitgliedsbeitrag nicht ausreichen würde, die Erfordernisse erfüllen zu können. So entschloß man sich, den inzwischen zur Tradition gewordenen Bauernball ins Leben zu rufen. Dies ergab nicht nur eine Stärkung der Vereinskasse, sondern bot gleichzeitig auch den Mitgliedern und Angehörigen Gelegenheit zu geselligen Zusammenkünften. Dazu fehlte den Gottscheern ein eigener Raum. So war der Ruf nach einem eigenen Clubhaus sehr groß. Der damalige Präsident des Vereines, Gottfried M. Tittmann, wurde der Urheber und Gründer des Gottscheer Clubhauses und der bald darauf folgenden Kinder-Weihnachtsbescherung. Diese leitete durch viele Jahre Adolf Schauer.

Ein weiterer Verein entstand am 4. Juni 1904 mit dem Namen "Österreichisch-Ungarischer Reservistenbund". Er wurde im Jahre 1907 als "österreichischer Männer-Krankenunterstützungsverein" bekannt. Erster Präsident war Alois Duffek, später zum Ehrenpräsidenten ernannt. Das Motto dieses Vereines war ebenfalls, den in Not geratenen Landsleuten bei Krankheits- und Sterbefällen behilflich zu sein. Am 18. Dezember 1955 vereinigten sich die beiden gleichen Zielen dienenden Vereine. Verdienstvolle Präsidenten des österreichischen M. K. U. V. waren Andreas Stontisch, Adolf Schauer, Ferdinand Matzele, Alois Fink, Hermann Koch und Ferdinand Novak. Wie bereits nach dem Ersten Weltkrieg der Gottscheer K. U. V. die treibende Kraft für Hilfsaktionen war, so kamen auch diesmal aus seinen Reihen die ersten Stimmen, den notleidenden Landsleuten in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu helfen. Tatkräftig wurde das Vorhaben der Gründung des Gottscheer Hilfsvereines unterstützt. Den Höhepunkt im Hinblick auf die Mitgliederzahl erreichte der Verein wohl im Dezember 1956 mit 530 Mitgliedern. Auch beim Umbau des Gottscheer Clubhauses im Jahre 1962 tat der Verein durch finanzielle Unterstützung ausgiebig mit. Alles wurde getan, um das Heim der Gottscheer in Ridgewood zu vergrößern.

Den großen Erfolg dieses Vereines kann man auch daran erkennen, daß er bis heute eine halbe Million Dollar an Kranken- und Sterbegeld nebst vielen anderen Unterstützungen auszahlte. Dabei wird nicht nur für die alten Mitglieder gesorgt, sondern auch der Jugend wird durch Errichtung von Stipendien geholfen. Für besondere Verdienste wurden im Laufe der Zeit mehrere Präsidenten zu Ehrenpräsidenten ernannt. Dies sind:

Mathias Kump aus Kummerdorf 1903-1906 und 1931-1937 Adolf Schauer aus Oberwarmberg 1924-1930 Präsident im Ö. M. K. V
Gottfried M. Tittmann aus Steyr 1910, 1912-1922, 1924-1927 Josef Eppich aus Altlag 1962-1969.

Der jetzige Präsident ist Alois Eppich aus Kukendorf, der diesen Posten bereits elf Jahre bekleidet (1958/59 und seit 1970). Wiederum mit fast gleichem Namen und Programm wurde 1919 eine dritte Wohlfahrtsorganisation ins Leben gerufen, der Gottscheer Kranken-Unterstützungsverein von New York.

"Gottscheer Vereinigung" nennt sich eine vierte Organisation, die gegenseitige Hilfsbereitschaft und Pflege gottscheerischer Sitte und Art seit 1935 auf ihre Fahne geschrieben hat. Der Gründungspräsident war John E. Loser aus Rieg, der den Verein (mit kurzer Unterbrechung) auch heute noch führt. Loser ist ein tüchtiger Mitarbeiter in der Gottscheer Volksgruppe in New York und seine Leistungen werden hoch bewertet und voll anerkannt.

Der mitgliederstärkste und in der deutsch-amerikanischen Öffentlichkeit bekannteste Verband ist ein Sportclub, der sich nach den Landesfarben der früheren Sprachinsel den Namen "Blau-Weiß Gottschee" gegeben hat. Der erste Präsident war der Zivilingenieur Albert Belay aus Lienfeld. Er ist 1925 geboren, wanderte 1950 in die Vereinigten Staaten aus und fügte sich sogleich durch die Übernahme bleibender Ämter in das organisatorische Leben der Gottscheer in New York ein. Unter anderem führt er zehn Jahre das Kultur-Komitee der "Relief Association".

Die Gründung "Blau-Weiß Gottschee" machte den Landsleuten von Anbeginn viel Freude. Der Klub entwickelte sich zeitweilig über längere Strecken zum erfolgreichsten Sportverein des "Deutsch-amerikanischen Fußballbundes". So stieg er 1963 in die Oberliga dieses Verbandes auf. Die bedeutendsten Siege errangen jedoch die Nachwuchsmannschaften, besonders die Knabenmannschaft. Sie erreichte in den Jahren von 1963 bis 1968 und 1970 die DAFB-Meisterschaft (Deutsch-amerikanischer Fußballbund) in ihrer Klasse und (eine herausragende Leistung) verlor von 1963 bis jetzt kein einziges Spiel.

Seit Jahren bestreitet "Blau-Weiß" jede Spielsaison mit zehn oder mehr Mannschaften, ein Unternehmen, welches die Freizeit vieler Mitarbeiter und Betreuer voll in Anspruch nimmt. Seine Präsidenten waren bisher

1951 Albert Belay (Lienfeld) 1970,1971 Albert Petsche (Hinterberg)
1952, 1953, Erwin Hönigmann (Altlag) 1972 bis 1974 Erwin Jonke (Gottschee Stadt)
1954 bis 1961 Josef Hoge (Weißenstein) 1975 Willy Stalzer (Reichenau)
1962 bis 1965 Albert Belay seit 1976 Ernst Kresse (Ort)
1966 bis 1969 Louis Hocevar (Brunnwirt/Gottschee Stadt)  

Neben "Blau-Weiß Gottschee" haben sich viele Gottscheer zu anderen Sport- und naturverbundenen Clubs zusammengeschlossen. Vom Gottscheer Country-Club wird der Wunsch, möglichst oft und lange in einem eigenen Heim unter Gottscheern weilen zu können, organisiert. Die von den Clubmitgliedern entwickelte ziemlich weitläufige Siedlung nennt sich "Neu-Gottschee". Auf dem Gelände steht ein gut ausgestattetes Clubhaus, das seit seiner Errichtung ein viel besuchtes, sommerliches Ausflugsziel der New Yorker Gottscheer darstellt.

Jagdfreuden verwirklicht der "Green Mountain Hunting Club". Er wurde 1954 gegründet. Sein erster Präsident hieß Hermann Ostermann. Das Jahresprogramm sieht einschlägige sportliche Veranstaltungen sowie die Pflege waidmännischer Traditionen vor. Gegenwärtiger Präsident ist Josef Kofler aus Katzendorf.

Ein ähnliches jagdsportliches Vereinsleben entfaltet der "Gottscheer Rod and Gun Club". Gegründet 1950, war sein erster Präsident John Köstner. Er besitzt ein ausgedehntes Jagdrevier, dessen Baum- und Wildbestand sich freilich nicht mit jenem in den Gottscheer Wäldern vergleichen läßt. Mit um so größerer Anhänglichkeit pflegt der Club die Erinnerung an die alte, heimatliche "Jagerei". Gegenwärtiger Präsident ist Adolf Petsche aus Unterskrill.

Besonders ist noch der "Gottscheer-Kegelclub" zu erwähnen. Auch seine Zielsetzung endet nicht im sportlichen Tun, sondern vereinigt die Mitglieder oft und oft zu alt-gottscheerischer Unterhaltung in froher Runde. Erster Präsident war John Kropf, jetziger Präsident: Robert Schlinderer aus Rieg. Dieser Club hat eine beachtliche Zahl von Mitgliedern und ist ein treuer Mitarbeiter in der Gottscheer Gemeinschaft.

Das Vereinsleben der Gottscheer in New York hätte seine nun bald achtzig Jahre andauernde Regsamkeit mit den zahlreichen geselligen und gesellschaftlichen Veranstaltungen und Versammlungen nicht fortführen können, wäre nicht am 15. März 1924 der erste Schritt zur Gründung der "Gottscheer Central Holding Corporation" getan worden. Die damals bereits bestehenden Vereine beriefen eine Massenversammlung ein. Noch an Ort und Stelle erklärten sich mehr als hundert Personen bereit, der vorgeschlagenen Neugründung, deren Hauptziel die Errichtung eines Clubhauses war, als Aktionäre beizutreten. Bereits im Juni wird die Gesellschaft bei der zuständigen New Yorker Behörde eingetragen. Die Mitgliederzahl war inzwischen auf mehr als 400 angewachsen, das Aktienkapital auf rund 10.000 Dollar gestiegen. Es wurde zum Ankauf des Grundstückes Nr. 657 in der Fairview Avenue im Stadtteil Ridgewood und für die dringendsten Reparaturen am Gebäude verwendet. Die größten Verdienste um das Entstehen der "Gottscheer Central Holding Corporation" erwarb sich Gottfried M. Tittmann, Sohn von Gottscheer Eltern, geboren 1888 in der Stadt Steyr, ist er im Jahre 1902 mit Vater und Mutter in die Vereinigten Staaten eingewandert. Er ist gelernter Goldschmied, gründete vor mehr als sechs Jahrzehnten ein eigenes Unternehmen, in dem er noch heute mit seinen Söhnen arbeitet. Aus seiner Lebensleistung für das Gottscheertum sei hervorgehoben: Er war der Gründer der "Central Holding Corporation" und sein erster Präsident. 16 Jahre war er Präsident und 70 Jahre Mitglied des "Gottscheer Kranken-Unterstützungsvereines". In beiden Fällen wurde er von den Mitgliedern zum Ehrenpräsidenten gewählt.

Im Laufe der Jahrzehnte erfüllte das Clubhaus nach mehreren Ausbauten seine Zweckbestimmung immer besser. Der Durchbruch zum großräumigen repräsentativen Mittelpunkt der Gottscheer in New York wurde jedoch erst 1960 mit dem Ankauf des Nachbargrundstückes möglich. Die Umbauplanung und die erforderlichen Arbeiten leitete der verstorbene Präsident Ferdinand Sbaschnig aus Masereben (1905-1970), dem ein arbeitswilliges Komitee zur Seite stand. Sbaschnig war für diese Aufgabe als Inhaber eines Eisen- und Stahlkonstruktionsunternehmens besonders geeignet. Die feierliche Eröffnung fand am 1. Dezember 1962 unter großer Beteiligung der Gottscheer statt.

Auch der gegenwärtige Präsident Arthur Tramposch aus Nesseltal betrachtet es als persönliches Anliegen, das Clubhaus in einem ausgezeichneten Zustand nicht nur zu erhalten, sondern noch weiter auszubauen. Arthur Tramposch ist 1904 in Chicago geboren, lebte mit seinen Eltern von 1911 bis 1922 in Nesseltal und kehrte in diesem Jahr in die USA zurück. Er blickt auf ein erfolgreiches Leben als Fachmann der Holzbearbeitung im Rahmen einer Großtischlerei zurück.

So wie das Gottscheer Clubhaus heute dasteht, legt es beredtes Zeugnis ab für die Opferbereitschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl seiner Gesellschafter und Besucher. Seine Anziehungskraft endet nicht an der Stadtgrenze von Groß-New York. Alle Gottscheer wissen, daß dort ein Heimathaus steht, Heimat durch die Menschen, die dort Tag für Tag und Jahr für Jahr aus und ein gehen. Das klingt ein wenig sentimental, aber - es soll kein Vorwurf sein - ein dem materialistischen Zeitgeist verhafteter Zeitgenosse kann sich eben kaum vorstellen, was diese Menschen bewegt, wenn sie manchmal nach langer Zeit wieder mit einem Landsmann in der alten Mundart g
atscheabarisch reden können. Am ehesten begreift das noch ein Schwabe, der sich ungemein freut, wenn er in einer anderssprachigen Umgebung auf einen Landsmann trifft, mit dem er schwäbisch "schwätze" kann. Nicht zufällig steht das "Haus der Gottscheer", wie man es auch nennen könnte, in Ridgewood. Von diesem Stadtteil sagt man, daß dort jedes zweite Haus einem Gottscheer gehöre. Die Stadtverwaltung hat wiederholt die auffallende Sauberkeit der Straßen und Häuser in diesem Viertel anerkannt. Dies ist die Repräsentation der Wohngesinnung nach außen.-

Die große Bedeutung des in New York entstandenen Gottscheer Hilfswerks für alle lebenden Gottscheer rechtfertigt eine eingehende Behandlung seines Entstehens und Bestehens. Dies bedeutet jedoch nicht, daß es außerhalb New Yorks keine oder keine so hilfsbereiten Gottscheer Organisationen gibt und gab wie dort. Es gibt auch noch weitere Stätten der Begegnung mit dem Landsmann, von denen man ebenfalls sagen kann, daß die Vereine darin ein Zuhause haben. Wie in New York finden dort Gemeinschaftsveranstaltungen, Familienfeiern, Konzerte und Bälle statt. Man sieht und wird gesehen, junge Leute finden sich hier fürs Leben, feiern hier Hochzeit und Taufe. - Nicht zufällig entstand fast gleichzeitig mit der "Gottscheer Relief Association Incorporation" in New York das "Relief Comity" in Cleveland/Ohio. Es wurde von folgenden Vereinen aufgebaut: "Erster österreichischer Krankenunterstützungsverein", dem wir hier zum zweitenmal begegnen. Er darf für sich in Anspruch nehmen, der erste Gottscheer Hilfsverein, überhaupt die erste, von Gottscheern gebildete Organisation auf amerikanischem Boden gewesen zu sein. Dazu kamen der "Deutsch-Österreicher Unterstützungsverein" und der "Deutsch-Österreicher Frauenbund". Alle drei sind Gottscheer Gründungen vor 1918. Sie verwendeten das Wort Österreich in ihren Namen, weil sie aus diesem Lande kamen und weil sich unter dem Begriff "Gottschee" selbst die Deutsch-Amerikaner zur damaligen Zeit nichts vorstellen konnten.

- Je drei Beauftragte dieser drei Organisationen trafen sich mit Vorstandsmitgliedern und nicht organisierten Gottscheern im März 1946 zu einer Vorbesprechung. Schon bei dieser Gelegenheit wurde beschlossen, mit dem "Gottschee-Hilfswerk" in New York zusammenzuarbeiten. Der Beschluß zur Gründung des "Relief Comity" wurde kurz darauf gefaßt. Die Gottscheer Volksgruppe von Cleveland/Ohio dürfte in der Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts noch 6000 bis 6500 Gottscheer umfaßt haben. Auch sie erbauten für ihr Gemeinschaftsleben ein Clubhaus. Bereits seit Jahrzehnten verfügen sie aber auch über eine eigene Kirchengemeinde, die von Geistlichen aus Gottscheer Familien geführt und betreut wird. Sie amtieren in der gemeindeeigenen Kirche zur "Heiligen Dreifaltigkeit". Als letzte Vereinigung von Gottscheern entstand 1970 eine Blaskapelle.

In Milwaukee am Michigansee, wo ebenfalls ein Gottscheer Verein existiert, gründeten sangesfreudige Frauen einen gemischten Damen-Kinder-Chor.

Eine größere Zahl von Gottscheern ist auch in Chicago seßhaft geworden. Wie viele es sind, ist schwer zu sagen, immerhin genug, um einen Verein mit einem stattlichen Jahresprogramm zu haben.

Die Gottscheer in Kanada stellen zahlenmäßig lediglich einen Bruchteil ihrer Landsleute in Amerika dar. Außerdem sind sie außerordentlich dünn über das Riesenland verteilt. Ihre Einwanderung lag zeitlich wesentlich später als jene in die USA, hauptsächlich zwischen den beiden Weltkriegen und nach dem Zweiten Weltkrieg. Die größte Gruppe lebt in Toronto, eine etwas kleinere Gruppe in Kitchener und einige Dutzend Familien haben in Montreal und Vancouver Heimat und Existenz gefunden. Sie und andere kleine, über das ganze Land verteilte Gruppen sind im allgemeinen deutschen und österreichischen Vereinen angeschlossen.

Gottscheer Vereine haben sich nur in Toronto und in Kitchener entwickelt. Beide Vereine besitzen Clubhäuser. Jenes in Kitchener wurde 1953 unter dem Präsidenten Richard Mausser gegründet. Es nennt sich "Alpen-Club" und gehört den Gottscheern, steht aber auch anderen deutsch-kanadischen Vereinigungen zur Verfügung. Der "Alpen-Club" in Kitchener gilt bei Besuchern als die umfangreichste, von Gottscheern erbaute Anlage dieser Art. -

Wenn von Kitchener die Rede ist, so sollte man auch Josef Mausser, den Bruder von Richard Mausser, erwähnen. Er wurde von der Stadt mit der Benennung einer Straße und eines Parks nach seinem Namen dafür ausgezeichnet, daß er nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als achtzig Gottscheern die Einwanderung nach Kanada ermöglicht hat.

Der Verein der Gottscheer in Toronto wurde 1955 ins Leben gerufen. Seine Gründer waren Rudolf Muchitsch aus Obergras und Heinrich Lobe aus Zwischlern. Seit 1965 steht Norbert Lackner an der Spitze des Vereines, der 1967 den "Gottscheer Park" kaufte und auszustatten begann. Lackner stammt aus Hohenegg und wurde 1924 geboren. Er absolvierte die Private deutsche Lehrerbildungsanstalt in Neuwerbaß/Batschka, Jugoslawien.

Wegen einer besonderen, sportlichen Leistung verdient Josef Schleimer aus Zwischlern hervorgehoben zu werden: Er errang - für Kanada startend - bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin eine Bronzemedaille im Ringen. Sein Name ist in der "Hall of Fame", der höchsten Auszeichnung für kanadische Sportler, eingetragen.

Kehren wir zurück in die USA. Wir haben das Bild des Gottscheer Clubs in den Vereinigten Staaten von Nordamerika noch hinsichtlich seiner wirtschaftlichen und sozialen Lage in seiner Gesamtzahl und Verbreitung zu vervollständigen. Glücklicherweise hat John Kikel in dem Gedenkbuch 1330 bis 1947 dazu eine prägnante Abhandlung hinterlassen. Er schreibt auf den Seiten 22/23 unter anderem:

"Im Vergleich zu anderen in Amerika eingewanderten Stämmen stehen die Gottscheer in wirtschaftlicher Hinsicht an der Spitze und das Durchschnittsvermögen wird auf mehr als 10.000 Dollar geschätzt. Die Mehrzahl der Gottscheer ist in einem gelernten Beruf beschäftigt und ein großer Teil davon als Zimmerleute und Tischler. Als Geschäftsleute finden wir sie fast in jeder Branche, vorwiegend aber in Delikatessengeschäften und Gasthäusern. Fast alle Gottscheer sind Hausbesitzer. In Cleveland, welches größere Ausdehnungsmöglichkeiten hat als New York, eignen die meisten Ein- oder Zweifamilienhäuser.

Wir haben keine genauen statistischen Belege über die in Amerika lebenden Gottscheer und ihre Angehörigen, können aber mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß in Cleveland und anderen Städten in Ohio etwa 7000 ansässig sind und in Ridgewood, New York und Umgebung etwa 6000. Wenn man die Anzahl der in den anderen Staaten Amerikas und Kanadas lebenden Gottscheer und ihrer Angehörigen, die man in jedem Staat von New York bis San Franzisco findet, auf 6000 schätzt, so haben wir heute in Amerika 19.000 Gottscheer und mag diese Zahl größer, aber sicher nicht kleiner sein."

Die vorstehenden Ausführungen John Kikels treffen heute nur noch bedingt zu. Seit ihrer Niederschrift sind 3 Jahrzehnte vergangen. In dieser Zeit hat sich das Durchschnittsvermögen der Gottscheer nominell zweifellos vergrößert, aber der Wert des Dollars ist inzwischen stark abgesunken. Auch in den USA ist die Inflation sehr wohl bekannt.

Pauschal kann man sagen, daß es in der Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts dem Amerika-Gottscheer besser geht, denn je.

Weitaus weniger erfreulich stellt sich uns jedoch die Bevölkerungsbilanz der Gottscheer in Amerika und Kanada dar. Ohne Aufsehen, in ihr Schicksal ergeben, vollstrecken auch die Gottscheer in den USA und Kanada das Lebensgesetz ihres Stammes, denn: Echte Gottscheer werden nicht mehr geboren, sie sterben nur noch.

Mit "echt" - man könnte dafür auch das Wort "gebürtig" setzen - sind die im "Ländchen" geborenen Gottscheer und ihre unmittelbaren Nachkommen, die ebenso gut in den USA und Kanada oder in Österreich und Deutschland oder nach 1941 in einem Flüchtlingslager geboren sein können, gemeint. Die meisten von ihnen beherrschen noch den Gottscheer Dialekt oder verstehen ihn zumindest gut.

Vor dem Versuch, die Gesamtzahl der Gottscheer in der Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts zu ermitteln, erhebt sich für manche Leser sicher die Frage, wozu es gut sein soll, den Schlußakt der Tragödie Gottschee, das langsame Dahinschwinden der letzten Generation, bis zum bitteren Ende auszuspielen. Wer so fragt, stellt dieses gesamte Werk in Frage, denn auch der Untergang ist Gottscheer Geschichte. Außerdem verfügen nur die Letzten dieses kleinen Völkchens aus dem Karst nach ihren sechs Jahrhunderten Geschichte über eine politische und menschliche Reife, der man weite Verbreitung wünschte. Zwar widerstrebend, doch endgültig haben sie sich mit der Unabänderlichkeit ihres Schicksals abgefunden und sich die Erkenntnis zu eigen gemacht, daß sie in allen Machtzentren bestenfalls ein mitleidiges Lächeln geerntet hätten, wären sie nach 1945 auf die Idee verfallen, ihr altes Siedlungsgebiet zurückzuverlangen.

Wenn man nur im einzelnen zu prüfen versucht, wie weit die Angabe John Kikels, daß 1947 im nordamerikanischen Raum rund 19.000 Gottscheer und ihre Angehörigen lebten, zutrifft, so hält es in großen Zügen nicht nur die Geschichte der Einwanderung der Gottscheer in die USA fest, sondern auch die statistischen Voraussetzungen für die Gesamtzahl der Gottscheer in der Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhundert.

Hat John Kikel recht? Wir müssen davon ausgehen, daß seine 19.000 eine Schätzung sind. Uns stehen heute folgende Zahlen, an die wir gebunden sind, zur Verfügung:

1876: Der Wiener Bevölkerungswissenschafter C. Czoernig schätzt die Zahl der Gottscheer auf rund 25.000 bis 26.000. Wir nehmen die obere Grenze, 26.000.

1910: Die letzte Volkszählung in der österreichisch-ungarischen Monarchie ergibt 17.400.

1930: Eine private Zählung mit Hilfe der Pfarreien ermittelt rund 14.500.

1941: Ergebnis der Durchschleusung im EWZ-Zug rund 12.000.

Wir überblicken daher die Bevölkerungs- und Wanderbewegung von genau hundert Jahren, von 1876 bis 1976. Führen wir uns noch einmal vor Augen, daß das Gottscheerland in diesen drei stürmischen Menschenaltern zwei epochalen Entwicklungen zum Opfer fiel, dem Wanderungsausgleich zwischen der dicht bevölkerten alten und der dünn besiedelten neuen Welt auf der einen und den chauvinistischen Auswüchsen des mitteleuropäischen Nationalismus auf der anderen Seite. Die Gottscheer sind von ihrem Fleckchen Erdboden verschwunden, aber ihre Lebenskraft ist vorerst noch ungebrochen. Wenn wir nämlich die etwa 19.000 Gottscheer John Kikels, die etwa 12.000 Umsiedler von 1941 und die rund 700 (Schätzung des Verfassers) echten Gottscheer in der Ersten Republik Österreich zusammenzählen, stehen plötzlich rund 32.000 Gottscheer vor uns. Man kann hier mit John Kikel sagen: ".. .und mag diese Zahl größer, aber sicher nicht kleiner sein." Sie illustriert außerdem das Übergewicht der Amerika-Kanada-Gottscheer: 60 der Menschen gottscheerischer Abstammung lebten 1947 in Nordamerika!

Nehmen wir also zur Überprüfung der Kikelschen Zahl von 1947 die erste Auswanderungsphase der Gottscheer von 1880 bis 1914 unter die Lupe. Dabei unterscheiden wir genau zwischen Geburtenjahrgängen und Auswanderungsjahrgängen. Zunächst interessiert es uns, welche Altersgruppen in diesem Zeitraum in Bewegung gerieten und nach Übersee auswanderten. Zwangsläufig mußten sie am Beginn ihrer persönlichen zwanziger Jahre stehen und, wenn sie schon verheiratet waren, kinderlos sein. Bereits ein einzelnes Kleinkind konnte die Seßhaftmachung in Amerika entscheidend behindern, abgesehen davon, daß die Überfahrt hygienisch und ernährungsmäßig für das gesundheitlich empfindliche Wesen Lebensgefahr bedeutet hätte. Obwohl es Ausnahmefälle gegeben hat, schieden also Familien mit mehreren Kleinkindern von vornherein aus. Wir dürfen daher das Durchschnittsalter der ersten Auswanderergeneration ruhig mit 23 Jahren ansetzen. Die Burschen waren etwas älter, weil sie ja ihre Militärzeit abzuleisten hatten, die Mädchen etwas jünger, einundzwanzig bis zweiundzwanzig Jahre. Danach waren die fünfunddreißig Jahrgänge der ersten Auswanderungsphase zwischen 1857 und 1891 geboren.

Zur Gesamtzahl der in dieser Zeit aus dem "Ländchen" ausgewanderten Gottscheer und Gottscheerinnen ziehen wir zunächst die Rückgangszahl zwischen der Schätzung von Czoernig (1876: 26.000) und dem Ergebnis der Volkszählung von 1910 (17.400) heran. Die Differenz beträgt 8600. Diese 8600 Personen sind der Wanderungsverlust zwischen 1876 und 1910. Er muß jedoch hinsichtlich der Jahre 1911 bis 1914 und hinsichtlich des Geburtenüberschusses seit 1876 bereinigt werden. Von Czoernig weiß man, daß er seine Schätzung als die Höchstzahl der Gottscheer in ihrer Geschichte betrachtet. Das bedeutete, daß ihre Geburtenfreudigkeit 1876 nicht plötzlich abbrach, sondern anhielt, was einen weiteren Geburtenüberschuß zur Folge haben mußte. Zweifellos nahm er als Folge des Bevölkerungsüberdruckes in der Volksinsel ab. Wir tun daher gut, wenn wir eine bescheidene Vorhersage treffen, denn von 1881 an fielen ja die Geburten der ausgewanderten Mädchen und der jungen Frauen aus. Wir dürften der Wirklichkeit ganz nahe kommen, wenn wir lediglich 60 bis 70 Kinder pro Jahr als Geburtenüberschuß annehmen. Auch dann kommen wir immer noch auf etwa 2500. Diese Zahl überdeckt die tatsächliche Zahl der Auswanderung, wir müssen sie daher den 8600 hinzufügen, womit wir bei 11.100 angelangt sind.

Zu den vermutlichen Auswandererzahlen der Jahre 1911 bis einschließlich 1914 ist zunächst zu sagen, daß es sich um politische und militärische Krisenjahre handelte. Die Balkankriege von 1912/13 förderten die Auswanderung ganz beträchtlich, fanden sie doch gewissermaßen vor der Haustüre der Habsburger Monarchie statt. Wie hoch sie anstieg, dafür gibt uns Dr. Podlipnig in der Kulturbeilage Nr. 54 der "Gottscheer Zeitung" vom September 1973 einen verbürgten Anhaltspunkt. Die Bezirkshauptmannschaft Gottschee gab in den ersten sechs Monaten des Jahres 1914 noch 700 Reisepässe für Amerika aus. Da die Sprachinsel Gottschee bekanntlich aber mit wesentlich kleineren Anteilen den Bezirkshauptmannschaften Rudolfswerth und Tschernembl angegliedert war, müssen wir weitere rund 200 Reisepässe für die USA hinzuzählen, mithin mit einer Auswanderung von 900 Personen in der ersten Jahreshälfte 1914 rechnen. Eine Auswanderung nach Kanada fand in dieser Zeit noch kaum statt. Die Auswanderungszahlen in den Jahren 1911 bis 1913 stellen wir zumindest annähernd mit Hilfe folgender Rechnung fest: Die durchschnittliche Auswandererzahl betrug zwischen 1880 und 1910 rund 360 (11.100 : 30). Wenn wir diesen Durchschnitt in die drei Jahre von 1911 bis 1913 weiterlaufen lassen, kämen wir auf 1080. Bei einer Steigerungsrate infolge der gespannten Lage von rund 30 greifen wir bestimmt nicht zu hoch und gelangen auf rund 1350. Mithin können wir folgende Schlußrechnung der Auswandererzahl in den Jahren von 1880 bis 1914 aufmachen:

1. Statistischer Wanderungsverlust zwischen 1876 bis 1910   8.600
2. Geschätzter Geburtenüberschuß   2.600
3. Vermutliche Auswandererzahl 1911 bis 1913   1.350
4. 1914 mit großer Wahrscheinlichkeit rund      900
  13.350

Wenn wir nun diese für jeden Kenner der Gottscheer Verhältnisse durchaus wahrscheinliche Zahl wiederum durch fünfunddreißig - das ist die Zeit von 1880 bis 1914 - teilen, erhalten wir einen Jahresdurchschnitt von 380.

Nun greifen wir auf die Geburtenjahrgänge von 1858 bis 1892 zurück und fragen, wie viele Auswanderer aus diesem Zeitraum 1947 nach menschlichem Ermessen noch am Leben gewesen sein konnten. Um das Verfahren abzukürzen, legen wir jeweils fünf Geburtenjahrgänge zusammen, das macht 5 mal 380 = 1900.

1. Die Geburtenjahrgänge 1858 bis 1862 wären 1947 - 89 bis 85 Jahre alt geworden. Weil die eingewanderten Männer und Frauen unter außerordentlich erschwerten Arbeitsbedingungen gelebt hatten, erreichten sie kein so hohes Alter.

2. Die Geburtenjahrgänge von 1863 bis 1867 wurden 1947 - 84 bis 80 Jahre alt. Vermutlich lebte auch von ihnen niemand mehr.

3. Die Geburtenjahrgänge 1868 bis 1872 wurden 1947 - 79 bis 75 Jahre alt. Von ihnen könnten noch 8 bis 10 gelebt haben, also etwa 175.

4. Die Geburtenjahrgänge von 1873 bis 1877 wurden 1947 - 74 bis 70 Jahre alt. Von ihnen lebten möglicherweise noch 15 bis 17, vor allem Frauen, also etwa 315.

5. Die Geburtenjahrgänge 1878 bis 1882 wurden 1947 - 69 bis 65 Jahre alt. Von ihnen lebten höchstwahrscheinlich noch 34 bis 36, demnach 690.

6. Die Geburtenjahrgänge 1883 bis 1887 wurden 1947 - 64 bis 60 Jahre alt. Von ihnen lebten mindestens noch 85, also rund 1650.

7. Die Geburtenjahrgänge von 1888 bis 1892 wurden 1947 - rund 59 bis 55 Jahre alt. Von ihnen lebten höchstwahrscheinlich noch 98, das heißt rund 1850.

Zusammen 4680.

Auf 4700 aufgerundet sind das demgemäß im Jahre 1947 die vermutlich noch lebenden Alteinwanderer aus dem Gottscheerland. Darin sind die Rückwanderer, die während des gleichen Zeitraumes heimkehrten, um eine neue landwirtschaftliche Existenz aufzubauen, nicht enthalten. Wir besitzen nicht den geringsten Anhaltspunkt, wie viele es gewesen sein könnten, zumal ein Teil von ihnen nach dem Zweiten Weltkrieg doch wieder in die USA zurückgewandert ist.

Zu den restlichen 4700 Alteinwanderern kommen nun deren in den USA geborene Kinder, die wir ja noch als echte Gottscheer ansprechen würden. Ihre Geburtenzahl wird in den ersten achtziger Jahren sicher niedrig gewesen sein, stieg jedoch infolge der wachsenden Einwanderung und der Existenzfestigung von Jahr zu Jahr.

Sie selbst befanden sich etwa 1906 ebenfalls im Alter der Heiratsfähigkeit und Familiengründung. Ihre Kinder kann man freilich nicht mehr als "echte Gottscheer" bezeichnen, denn sie sprachen auch mit ihren Eltern nur noch englisch, hörten nur selten oder gar nicht ein gottscheerisches Wort oder eine Schilderung des Herkunftslandes der Großeltern.

Wie aber gelangen wir zu einer wenigstens ungefähren Zahl der Nachkommen der Ureinwanderer aus dem Gottscheerland, damit wir sie mit den oben ermittelten 4700 zusammenziehen können? Als einfachster Weg scheint sich anzubieten, daß man die Zahl der 13.350 Alteinwanderer halbiert, weil es ja etwa gleichviel Männer und Frauen auf der Welt gibt. In diesem Falle nicht. Es sind in der ersten Auswanderungsphase mehr Männer als Frauen in die USA gezogen. Gewiß war es die Regel, daß der Gottscheer eine Gottscheerin heiratete, doch dürften infolge der ungünstigen Verteilung der Einwanderer bzw. der überwiegenden Zahl der Männer kaum mehr als 5500 Ehen zustandegekommen sein. Die hier nicht berücksichtigten 2350 Gottscheerinnen und Gottscheer heirateten entweder nicht oder verbanden sich mit Partnern außerhalb der Gottscheer Gruppe. Schreiben wir nun jeder dieser 5500 Ehen durchschnittlich zwei bis drei Kinder zu - womit wir der Wirklichkeit vermutlich sehr nahe kommen - so dürfte die Zahl der "Nachkommen" im Kikelschen Sinne 11.000 plus 2750 = 13.750 betragen haben. Die Ältesten von ihnen waren 1947 dann 60 bis 65 Jahre alt. Zählen wir nun die 4700 Alteinwanderer und die Nachkommen aus den 5500 Gottscheer Ehen zusammen, so stehen wir bereits an dieser Stelle bei rund 18.500! Dabei haben wir erst noch die zweite Auswanderungsphase zu berechnen. Sie setzte, wie gesagt, 1920/21 ein und lief in den dreißiger Jahren allmählich aus.

In der zweiten Phase haben wir auch die Auswanderung in die Republik Österreich statistisch heranzuziehen. Sie setzt sich zusammen aus den Optanten für Österreich, den auf diese Weise vertriebenen Lehrern und Beamten, den Schülern und Studenten, die 1919 bis 1925 in Österreich die Schulen besuchten und nicht mehr heimkehrten sowie dem ständig fließenden Rinnsal arbeitsuchender Gottscheer aus handwerklichen und Dienstleistungsberufen. Wir unterschätzen die Gesamtzahl dieser Personengruppe mit 700 gewiß nicht.

Zu einer ungefären Berechnung der zweiten Auswanderungsphase ziehen wir die oben bereits aufgeführten, amtlichen bzw. halbamtlichen Zahlen heran:

1. Die Volkszählung von 1910 17.400
2. Die 1930 durchgeführte Zählung mit Hilfe der Pfarreien 14.500
3. Die aufgerundete Umsiedlerzahl von 1941 12.000

Die offizielle jugoslawische Volkszählung aus dem Jahre 1921 ist für unsere Zwecke unbrauchbar, denn sie manipulierte die Ergebnisse im Gottscheerland zu einer statistischen Farce, wie einige Gegenüberstellungen der österreichisch-ungarischen Volkszählung von 1910 und der jugoslawischen von 1921 beweisen. Wir zitieren Dr. Podlipnig (Kulturbeilage Nr. 54 der "Gottscheer Zeitung" vom September 1973): Deutsche = D, Slowenen = S

Altlag
1910 - D 828; S 5
1921 - D 694; S 53
Obermösel
1910 - D 1056; S 17
1921 - D 762: S 299
Mitterdorf
1910 - D 1223; S 119
1921 - D 996; S 321
Gottschee/Stadt
1910 - D 2025; S 255
1921 - D 1226; S 1799
Rieg
1910 - D 426; S 20
1921 - D 340; S 85
Morobitz
1910 - D 291; S -
1921 - D 222 ; S 1
Göttenitz
1910 - D 359; S 13
1921 - D 337; S 13
   

Die Manipulation der angeblichen Zählergebnisse ist zu augenscheinig, als daß man dazu viel erläutern müßte. Nur so viel sei gesagt, daß man einfach eine bestimmte Zahl von Gottscheern aus den Zählungslisten strich und dafür eine etwa entsprechende Zahl von Slowenen einsetzte. Auch das war eine Art Slawisierung des Gottscheerlandes. Da aber in der Zeit von 1919 bis 1921 niemand im "Ländchen" das Geld hatte, um Wohnhäuser zu bauen - insbesondere nicht der junge SHS-Staat - ist unerfindlich, auf welche Weise man plötzlich in Mösel rund 280 Menschen unterbringen sollte. Zwangseinquartierungen sind nicht erfolgt. Es wurde auch keine slowenische Schule errichtet. Außerdem: wohin sollten die verschwundenen Gottscheer gekommen sein? Die Auswanderung in die USA und Kanada lief mit geringen Zahlen eben erst wieder an. Die Option für Österreich wurde vom Gottscheer Bauern kaum wahrgenommen. Um den Schein zu wahren, ließ man jedoch in Morobitz und Göttenitz die Zahl der Slowenen gegenüber 1910 bestehen. Warum aber in Göttenitz nur 22, in dem wesentlich kleineren Morobitz hingegen rund 70 Gottscheer das Weite gesucht haben sollen, während in dem benachbarten Rieg 85 Slowenen zugezogen sind, wird stets das Geheimnis der Laibacher Statistiker von 1921 bleiben.

Doch nun zurück zur zweiten Auswanderungsphase.

Bevor wir fortfahren, noch ein Wort zu der Umsiedlerzahl von 12.000: Die EWZ durchschleuste nach ihrem Schlußbericht 11.747 Gottscheer und Gottscheerinnen, Dr. Wollert spricht von 12.000. In beiden Zahlen sind die Nichtoptanten und die aus zivilen oder militärischen Gründen außerhalb des "Ländchens" weilenden, aber noch dort zuständigen Personen natürlich nicht enthalten. Wenn wir jedoch auf die Gesamtzahl der 1941 lebenden Gottscheer zusteuern, dürfen wir sie nicht fehlen lassen, denn die Verweigerer der Option für Deutschland waren ja nicht plötzlich keine Gottscheer mehr, wurden dadurch auch nicht plötzlich zu Slowenen. Sie hatten letzten Endes für das Gottscheerland optiert. Wenn wir ihre Zahl nur mit 3% ansetzen, kommen wir bereits auf rund 360. Mit der abwesenden Gruppe zusammen dürften sie etwa 400 bis 500 Köpfe erreicht haben. Wir haben daher eine den
Tatsachen nahekommende Differenz zwischen 1910 und 1941 von rund 5000 Personen (17.400 minus 12.500). Die im alten Siedlungsgebiet seßhafte Bevölkerung schrumpfte also in den fünfundsechzig Jahren seit 1876 um mehr als die Hälfte etwa um 57%.

Der rein zahlenmäßige Menschen Verlust zwischen 1911 und 1941 bedarf ebenfalls einer Bereinigung. Der Verfasser hat dies unter Berücksichtigung aller in Frage stehenden Faktoren vorgenommen und ermittelte auf die gleiche Weise wie für die erste Auswanderungsphase einen Abzug von rund 1600 Personen nach den USA und Kanada. Der nördliche Nachbar der Vereinigten Staaten, ein Land von sehr großer Ausdehnung, aber geringer Bevölkerungsdichte, wurde nach dem ersten Weltkrieg für die Gottscheer deshalb interessant, weil sie von dort aus die strengen Einwanderungsbestimmungen Amerikas über die "Grüne Grenze" oder durch ein entsprechend langes Verweilen in Kanada umgehen konnten. Das taten natürlich auch andere. Wie viele Auswanderer aus dem "Ländchen" diesen Weg gegangen sind, läßt sich nicht rekonstruieren.

Daß zwischen 1920/21 und etwa 1935 nur rund 1600 Gottscheer in die USA ausgewandert sein sollen, erscheint auf den ersten Blick völlig unwahrscheinlich. Man muß jedoch berücksichtigen, daß die Einwanderungspolitik Washingtons gegenüber dem Nachfolgestaat der österreichisch-ungarischen Monarchie keine bedeutenden Quoten zuließ, und daß ferner ab 1929 die Weltwirtschaftskrise mit ihrer Arbeitslosigkeit die Amerika-Gottscheer nicht dazu veranlaßte, Landsleute in das Land der nunmehr begrenzten Möglichkeiten hinüberzuziehen.

Setzen wir, wiederum rein rechnerisch, die Zahlen der aus den 1600 bei Gottscheern und Gottscheerinnen entstandenen Ehen mit 560 bis 600 fest und nehmen wir an, daß aus jeder im Durchschnitt zwei Kinder hervorgingen. Nur zwei und nicht zwei bis drei deshalb, weil sich die Gottscheer auch in diesem Punkt der abgesunkenen amerikanischen Geburtenfreudigkeit anpaßten. Jedenfalls erhöht sich die Zahl der 1947 in Nordamerika lebenden Gottscheer um rund 1600 Einwanderer und ihre etwa 1200 Nachkommen auf die Endsumme von etwa 21.000. Damit haben wir John Kikels Bemerkung, 19.000 seien niedrig geschätzt, vollauf bestätigt. Wir nehmen allerdings an, daß auch er die Enkelkinder der Alteinwanderer aus der Sprachinsel nicht mehr zu den echten Gottscheern zählte. Was nun die Gesamtzahl der Gottscheer zu diesem Zeitpunkt angeht, so mag sie zwischen 1941 und 1947 - einschließlich der in der alten Heimat zurückgebliebenen Nichtoptanten - vermutlich um 32.000 bis 34.000 gelegen sein.

Wir schreiben das Jahr 1950. Die dritte Auswanderungsphase der Gottscheer nach Nordamerika setzt ganz langsam ein. Nur ein geringer Teil der aus der Untersteiermark geflohenen Umsiedler hat bisher die Flüchtlingslager verlassen können. Er hat unter manchmal ungünstigsten Voraussetzungen wenigstens Anhaltspunkte für den Aufbau einer neuen Existenz gefunden. Die jüngeren, unverheirateten Umsiedler träumen von Amerika. Längst haben sie wieder die Verbindung mit den Verwandten und Freunden in den USA und Kanada aufgenommen. Die Lagerinsassen können es kaum erwarten, daß die Hoffnungen, die ihnen aus den Briefen entgegenschlagen, in Erfüllung gehen. Sie erfahren, daß alles getan werde, um ihnen möglichst bald die Auswanderung nach Amerika zu ermöglichen. Es war außerordentlich schwierig, in dem ungeheuren Wirrwarr der Flüchtlingsströme in den Nachkriegsjahren gleichsam ein kleines Rettungsboot für die Gottscheer zu finden, die zu ihren Leuten in Amerika drängten. Es gab doch noch ungezählte Nichtdeutsche, die der unselige Krieg und die Gewaltherrschaft entwurzelt hatten und die nun in geordneten Bahnen ihren alten oder neuen Lebenszielen zustrebten. Das Festbuch zum 25jährigen Bestehen des "Gottschee-Hilfswerks Relief Association Incorporation" schreibt unter anderem über die Anstrengungen, deren es bedurfte, um den Gottscheern gewissermaßen ein Mauertürchen in das Land der nun scheinbar wieder unbegrenzten Möglichkeiten zu öffnen:

"In der zweiten Hälfte des Jahres 1951 kam die Einwanderung jedoch vollständig ins Stocken. Dies bedingte eine Reise des Vertreters des Hilfswerks nach Europa, besonders nach Deutschland und Österreich. In dieser Zeit fand eine Konferenz für Flüchtlinge in Brüssel und eine Untersuchung in Frankfurt am Main statt, welche mit einer Milderung der bestehenden Verschärfungen endeten und somit wieder vielen Landsleuten die Einwanderung ermöglichten. Die Zusicherungen aus unseren Kreisen waren aber bereits erschöpft. Doch war unserer Vertretung bekannt, daß die N. C. W. C. bereit war, für 5000 Familien Zusicherungen zu garantieren. Ein Besuch bei Msgr. Bernas, dem Vertreter des Katholischen Hilfswerks, und ein dringendes Ersuchen ermöglichte es den Gottscheern, 500 von diesen Zusicherungen zu erhalten. Auch wurde unserem Vertreter gesagt, daß auf diese Zusicherungen bis 2000 Personen einwandern könnten.

Dieser, von der D. P. C. und N. C. W. C. befürwortete Besuch hatte ferner den Vorteil, daß die Gottscheer anerkannt und die schon lange vorliegenden Einwanderungsgesuche endlich bearbeitet wurden. Daraus ergab sich, daß im Jahre 1952 dann die größte Zahl an Gottscheer Einwanderern zu verzeichnen war. Am 31. August 1952 wurde die D. P. C. aufgelöst und nur vereinzelt kamen 1953 und in den nachfolgenden Jahren noch Gottscheer Einwanderer in die USA.

Der Großteil der Neueinwanderer ließ sich in jenen Städten Amerikas nieder, wo bereits Landsleute aus früheren Jahren ansässig waren. Die auf Bemühung des "Gottscheer Hilfswerks" unter der N. C. W. C. - Quote berücksichtigten Einwanderer landeten oft in entlegenen Gegenden. Jedoch auch diese fanden bald den Weg in die "Gottscheer Gemeinden". Allen war wieder Hilfe bereit und dankbar erinnert man sich noch jener Landsleute, die dem Neueinwanderer zum ersten "Job" verhalfen."

Die Gottscheer hatten das Glück, in jenen Jahren, deren unmenschlichen und materiellen Nöte nur mit systematisch eingesetzter Tatkraft zu bewältigen waren, eine Persönlichkeit von Format zu besitzen. Hinter dem Wort "unser Vertreter" versteckt sich niemand anderer als Adolf Schauer, die führende Kraft bei der Gründung des "Gottschee-Hilfswerks" und dessen erster Präsident. Er führte die im obigen Bericht angegebenen Verhandlungen und Besprechungen und ließ sich durch keine Widerstände beirren. Und er war es, der die Europareise nicht scheute, um möglichst vielen seiner Landsleute die Einwanderung in die USA zu ermöglichen. Adolf Schauer ist 1901 in Oberwarmberg geboren. Er wanderte 1920 in die Vereinigten Staaten aus und gründete in Ridgewood das heute noch bestehende Versicherungsunternehmen "Schauer Agency". Er gilt als der große, weise Mann der Amerika-Gottscheer. Seine Verdienste um sie und das gesamte Völkchen der Gottscheer besitzen innerhalb ihres Rahmens geschichtlichen Rang. Seine Landsleute wissen sie zu schätzen. Er ist Träger des Ehrenringes der Gottscheer Landsmannschaften und Ehrenpräsident der "Relief Association". Von amerikanischer Seite wurde ihm die "Bürger-Medaille" verliehen. In seiner Person wurde aber auch das kleine Heer der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Hilfswerks geehrt.

Gewiß haben die Alteinwanderer ihren nachrückenden Landsleuten geholfen, sich in dem Riesenland zurechtzufinden, gewiß haben sich in den hundert Jahren seit dem Beginn der ersten Auswanderungsphase die beruflichen, sozialen und menschlichen Verhältnisse in den USA zum Besseren gewendet, doch den letzten Einwanderern aus der früheren Sprachinsel Gottschee wurde die wohlorganisierte Starthilfe der großen Gemeinschaft der Amerika-Gottscheer zuteil. Sie aber waren nur deshalb imstande, den plötzlichen, umfangreichen Zugang an zumeist erwachsenen Menschen seelisch, wirtschaftlich und sozial zu verkraften, weil sie sich selbst auf diesen Lebensgebieten im Gleichgewicht befanden. Nur deshalb vermochten sie auch, tätige Aufnahmebereitschaft und nachbarschaftliches Entgegenkommen - beides ist wörtlich gemeint - zu üben. Weit mehr als 2000 schuldlos zerbrochene Schicksale unter eigenen Opfern zum Guten zu wenden, war ein menschlich imponierendes weiteres Hilfswerk, dessen tiefere menschliche Beweggründe nicht einfach zufällig vorlagen, sondern in Jahrhunderten gewachsen waren. Zweitausend sind für amerikanische Verhältnisse wenig, für die Gottscheer viel.

Inzwischen haben auch diese letzten aus dem "Ländchen" stammenden Einwanderer auf nordamerikanischem Boden endgültig Fuß gefaßt und sich in den "Way of Life" Amerikas eingefügt, sich aber auch in die Organisationen der Gottscheer eingegliedert. Allerdings haben auch sie erfahren, daß die USA zwar von den Einwanderern in ihr Land beim Betreten des amerikanischen Bodens nicht die Ablieferung des ererbten Volkstums verlangen, daß man sich aber nur durchsetzt, wenn man sich von der ersten Stunde an anpaßt.

Als die Reisedauer über den Atlantik auf Stunden zusammenzuschrumpfen begann, setzte bei den Amerika-Gottscheern eine neue, die allerletzte Wanderung ein: Sie flogen in den Sommermonaten zu Hunderten nach Europa, mit Linienflugzeugen und mit Chartermaschinen. Zuerst kamen die Auswanderer zwischen den beiden Weltkriegen. Sie überzeugten sich mit Genugtuung, welchen Segen das "Gottschee-Hilfswerk" und alle seine Mitarbeiter gestiftet hatten und daß sie nicht vergessen waren. Aber Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre mehrten sich die Europafahrer aus der Gruppe der Auswanderer der beginnenden fünfziger Jahre. Die Lager waren längst geräumt. In den europäischen, namentlich in deutschen Städten zeugten nur noch wenige Baulücken von der überwundenen Katastrophe. Gewiß hatten nicht alle ihre Landsleute Anteil am Wirtschaftswunder Deutschlands und Österreichs, doch es war von Staats wegen für alle gesorgt, die Vermögenserstattung war im Gange, die Alten erhielten ihre Renten, der Prozentsatz der Autobesitzer war auch unter den Gottscheern schon damals beträchtlich. Die arbeitsfähigen Gottscheer und Gottscheerinnen hatten sich gleich den Balten, den ostdeutschen Vertriebenen, den Sudetendeutschen, den Südtirolern, den Deutschen aus dem Donau-Karpaten-Raum in den Wiederaufbau der Volkswirtschaften in Österreich und Deutschland eingegliedert.

- Eine scheinbar nebensächliche Beobachtung am Rande: Die Amerika-Gottscheer flogen und fliegen zumeist mit einer weltweit bekannten deutschen Fluggesellschaft. Die Europa-Reisenden aus der früheren Sprachinsel Gottschee haben für europäische Begriffe lange Strecken zu überwinden bis sie die Verwandten, Jugendfreunde und Nachbarn besucht haben, denen die lange See- und Luftreise hauptsächlich gilt. Doch die "Amerikaner", wie die Gottscheer ihre Landsleute von "drüben" nennen, sind ja lange Reisestrecken gewöhnt. In der Republik Österreich decken sich die aus menschlichen Gründen angesteuerten Reiseziele sehr oft mit dem Wunsch, eine bestimmte Stadt zum ersten oder zum wiederholten Male zu sehen, etwa Wien oder Graz, die für die Gottscheer - das gilt natürlich nicht nur für sie - schon in der Zeit der alten Monarchie eine magische Anziehungskraft besaßen. Dort gab es schon im 19. Jahrhundert seßhafte Gottscheer, doch eine allgemeine Gottscheer Vereinigung entstand trotzdem nicht. Erst 1891 wurde der "Verein der Deutschen aus Gottschee in Wien" ins Leben gerufen. Das heißt, die erste, jedermann zugängliche Organisation von Gottscheern außerhalb des "Ländchens" wurde in den Vereinigten Staaten gegründet, eben der erwähnte "Erste österreichische Unterstützungsverein" in Cleveland/Ohio. Sein Gründungsjahr ist 1889. -

Wenn Klagenfurt in den Reiseplänen auftaucht, so nicht einmal so sehr wegen persönlicher Besuche, sondern, weil diese Stadt zum Zentrum der Exilkultur der Gottscheer geworden ist. Davon wird noch ausführlich zu sprechen sein. Linz und Salzburg, weniger Innsbruck, weisen seit den fünfziger Jahren ebenfalls nicht unbeträchtliche Gruppen von Gottscheern auf, die naturgemäß jedes Jahr eine Anzahl von "Amerikaner" an sich ziehen.

Als die ersten, vereinsgewohnten Amerika-Gottscheer in Europa eintrafen, fanden sie nur Ansätze organisatorischer Zusammenschlüsse ihrer Landsleute in Österreich und Deutschland. Während in Wien, Graz und Klagenfurt nur die alten Vereine wiederbelebt wurden, war in Deutschland nirgends ein Ansatz aus früherer Zeit gegeben.
 

Verein der Deutschen aus Gottschee, Wien

Die Wiener Gruppe nannte sich nun "Verein der Gottscheer in Wien", nachdem sie als "Verein der Deutschen aus Gottschee" von vier beherzten Männern (Franz Obermann, Josef Springer, Andreas und Georg Roschitsch) am 30. März 1891 gegründet worden war. Als Zweck des Vereines wird unter § 2 der Satzungen nach dem "Jubiläumsbuch der Gottscheer 600-Jahr-Feier 1930" angeführt;

"a) die moralische und materielle Unterstützung von bedürftigen Vereinsmitgliedern und unterstützungswürdigen Landsleuten.

b) die Unterstützung von Wohltätigkeits- und patriotischen Unternehmungen in Gottschee, das ist im Gebiete des ehemaligen Herzogtums Gottschee.

c) die Förderung des geselligen Verkehrs zur Hebung der engeren Landsmannschaft."

Ein Jahr später zählte der Verein bereits 252 Mitglieder und entwickelte bis zum Ersten Weltkrieg eine segensreiche Tätigkeit. Darüber berichtet der Obmann wieder im "Jubiläumsbuch 1930" auf Seite 242 folgendes: "Die Mittel des Vereines ergaben sich aus den Mitgliedsbeiträgen, allfälligen Spenden von Förderern und aus den Erträgnissen von Veranstaltungen. Stets hilfsbereit wurden im Laufe von nahezu vier Jahrzehnten jeweilig nach Maßgabe der vorhandenen Kassabestände an verschiedene hilfsbedürftige Landsleute Unterstützungen gewährt. Gemeinden und Vereine erhielten Beiträge, sei es nun, wenn es galt, ein Kirchlein zu reparieren, Feuerlöschgeräte anzuschaffen, von Naturgewalten angerichtete Schäden zu lindern oder Veranstaltungen und dergleichen zu fördern. Es sei noch gestattet, die an der Spitze des Vereines gestandenen Männer mit Namen anzuführen: Franz Obermann, Kaufmann Josef Edler von Rom, k. k. Major; Georg Roschitsch, Kaufmann; Andreas Schuster sen., Kaufmann; Josef Wuchse, Kaufmann; Andreas Schuster jun., Kaufmann; Oberveterinär Dr. Adolf Wenzel."

Im Krieg (1914 bis 1918) verlor der Verein fast seinen gesamten Besitzstand und mußte von vorne beginnen. Im Zweiten Weltkrieg stellte er seine Tätigkeit ein und konnte sie erst nach Überwindung gewisser Schwierigkeiten 1951 unter dem Namen "Verein der Gottscheer in Wien" wieder aufnehmen. Professor Franz Kraus, der keine Mühe scheute, hat sich in dieser Zeit als Obmann große Verdienste erworben. Ihm wurde für seinen Idealismus und seine Opferbereitschaft durch die Ernennung zum Ehrenobmann gedankt. Wegen seines hohen Alters legte er 1966 sein Amt zurück, und über seinen Vorschlag wurde Dipl.-Ing. Karl Skoupil einstimmig zum Obmann gewählt. Unter seiner Leitung wurde auch in Wien der Verein in "Gottscheer Landsmannschaft" umbenannt. Dies gelang erst nach Überwindung von Bedenken der Behörden. Der Verein setzt seine bewährte Tätigkeit unter dem agilen Obmann für die Gemeinschaft der Gottscheer in der Hauptstadt Österreichs fort.

Gottscheerland", Graz

In Graz und Klagenfurt führten die Vereine nach dem Zweiten Weltkrieg die Bezeichnung "Hilfsverein für die Gottscheer und Deutsch-Krainer". Damit wurde die Zielsetzung in den Vordergrund gestellt.

1919 gründete Josef Ramor, geboren in der Stadt Gottschee, den Verein "Gottscheerland" in Graz und war sein erster Obmann. Oberstleutnant Paul Eppich schreibt über ihn im Jubiläumsbuch auf Seite 243: "Das Wirken des ersten Obmannes, den die edelsten Motive geleitet haben, war beispielgebend. Seine Arbeit, heute mit prüfendem Auge beschaut, verdient höchste Anerkennung und Dank.

Erfolgreich arbeitete der Verein für die geistige und wirtschaftliche Wohlfahrt des Gottscheer Volkes sowie des geselligen Verkehrs zur Hebung der Heimatliebe. Nach Kräften wurden auch die Bestrebungen des Gottscheer Volkes zur Erhaltung seines Volkstums unterstützt."

In den ersten zehn Jahren seines Bestandes hatte der Verein folgende Obmänner: Bahnrat Josef Ramor, Dr. Hans Petsche, Medizinalrat Dr. Walter Linhart und Professor Dr. Othmar Herbst. Ehrenmitglieder für besondere Verdienste waren: Medizinalrat Dr. Linhart und Landesbeamter Michitsch. Zum Ehrenobmann wurde Bahnrat Ramor gewählt.

Am 18. Mai 1929 übernahm Studienrat Prof. Dr. Othmar Herbst die Obmannstelle. Sein Stellvertreter wurde Oberstleutnant Paul Eppich, ein geborener Ebentaler. Die Vereinsarbeit war in den dreißiger Jahren nicht leicht, denn es gab in Österreich innere Unruhen. Während der Kriegszeit von 1938 bis 1945 wurden keine Versammlungen durchgeführt, und die Tätigkeit war vollkommen eingestellt. Sie wurde jedoch bereits 1945 vom Obmann und seinem Stellvertreter wieder aufgenommen. Dabei wurden sie durch Dr. Franz Perz aus Mitterdorf und den Laibacher Dr. Plautz außerordentlich tatkräftig unterstützt. Diese beiden bemühten sich besonders, das Schicksal der Flüchtlinge zu erleichtern.

Den "Hilfsverein" führten in weiterer Folge 1949 Schuldirektor Hans Eppich aus Altlag, 1950 Primarius Dr. Walter Linhart, 1958 Notar Helmut Karnitschnig. Unter seiner Obmannschaft bekam der Verein 1960 die Bezeichnung "Gottscheer Landsmannschaft Graz". Durch Beschluß der "Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer Landsmannschaften" führen heute alle offiziellen Gottscheer Vereinigungen in Österreich und Deutschland die Bezeichnung "Landsmannschaft".

1963 übernahm Josef Petsche aus Grafenfeld die Obmannstelle und führte die Landsmannschaft mit großer Umsicht bis 1968. Helmut Bartelme war der nächste Obmann, der dieses Amt 1973 krankheitshalber aufgeben mußte. Nach ihm wurde der heutige Obmann Friedrich Petsche einstimmig gewählt. Der Verein der Gottscheer in Graz zählte nach der Flucht die meisten Mitglieder aller Gottscheer Vereinigungen in Europa.




"Gottscheerland", Klagenfurt

Obwohl der Verein "Gottscheerland" in Klagenfurt bis 1928 eine Zweigstelle des Vereines in Graz war und erst dann selbständig wurde, entwickelte er bereits als Zweigverein seit 1919 unter Leitung von Prof. Peter Jonke eine rege Tätigkeit. Es gab landsmannschaftliche Versammlungen, die "Gottscheer Zeitung" sowie der "Gottscheer Kalender" wurden von uneigennützigen Landsleuten für Bezieher in Kärnten adressiert und verschickt.

Zu Pfingsten 1926 kam auf Einladung des Vereines der Männerchor aus Gottschee unter Führung des Chorleiters Dr. Hans Arko auf Besuch nach Klagenfurt. Von hier aus wurde per Schiff über den Wörther See der in Rosegg unweit von Velden lebende Heimatforscher, Schuldirektor Wilhelm Tschinkel, besucht. Er ist der Dichter und Komponist unseres so innigen Heimatliedes "Dü hoscht lai oin Attain, oin Ammain d
azua
..." Tschinkel hatte die Sänger aus Gottschee zu sich eingeladen, damit sie zusammen mit dem von ihm geleiteten örtlichen Gesangsverein eine Liedertafel unter der Devise "Kärnten-Gottschee" durchführen sollten. Es wurde ein glänzend gelungenes Fest, zu dem viele Einheimische und in Kärnten lebende Landsleute mit Freuden gekommen waren. Freilich mußten die Gottscheer Sänger sich nach ihrer Heimkehr für dieses "Verbrechen" vor der Bezirkshauptmannschaft in Gottschee verantworten. Der Verein "Gottscheerland" stellte seine Tätigkeit im Zweiten Weltkrieg ebenfalls ein, wurde jedoch durch Professor Peter Jonke und Regierungsrat Sepp König 1948 wieder aktiviert. Wie schon ausgeführt, nannte sich die Neugründung "Hilfsverein der Gottscheer und Deutsch-Krainer" und erhielt 1952 eine neue Führung unter dem Obmann Amtsrat Walter Samide. Die größte Leistung für das Gottscheertum vollbrachte dieser Verein durch die Wiederherausgabe der "Gottscheer Zeitung" im Jahre 1955. Das Bemühen um das verlorene Vermögen und vor allem die kulturelle Tätigkeit der Gottscheer Vereinigung in Klagenfurt nach fast drei Jahrzehnten ist vom Autor in diesem Werk ausführlich dargestellt. Regierungsrat Walter Samide wurde 1971 zum Dank für sein langjähriges, aufopferndes Bemühen um den von ihm geführten Verein zum Ehrenobmann bestellt. Von ihm übernahm im gleichen Jahr, einstimmig gewählt, der Rechtsanwalt Dr. Viktor Michitsch den Vorsitz.

In Österreich hat sich folgendes organisatorische Betreuungssystem herausgebildet: Wien ist zuständig für die Landsleute in Wien und dem Burgenland, Graz für jene von Steiermark, Ober- und Niederösterreich, Klagenfurt erfaßt die Landsleute in Kärnten, Salzburg, Tirol und Vorarlberg.

Gottscheer in Deutschland


In der Bundesrepublik Deutschland ballten sich die Flüchtlinge aus der ehemaligen Sprachinsel hauptsächlich in den Großräumen von München, Stuttgart und Köln. In der Deutschen Demokratischen Republik leben, so weit sich dies durch den Autor feststellen ließ, nur wenige Gottscheer. Das Fehlen einer engeren dauerhaften Bindung der so weit auseinandergeworfenen Gruppen untereinander wurde bald als schmerzlich empfunden. Es ging nicht nur darum, das Flüchtlingsschicksal gemeinsam zu tragen, Kulturarbeit aus den Traditionen des Gottscheer Völkchens zu formen sondern auch um ganz praktische Aufgaben, wie das alle betreffende Vorbringen der materiellen Forderungen an die Nachfolgestaaten des ehemaligen Deutschen Reiches. Die Gottscheer verlangten und benötigten wie in Österreich auch in Deutschland und in anderen Ländern eine offizielle Vertretung.

In der Bundesrepublik Deutschland wurde am 17. August 1952 in Adelgund a. d. Mosel die "Landsmannschaft der deutschen Umsiedler aus der Gottschee in Deutschland e. V." gegründet. Die Anmeldung beim Amtsgericht Zell/ Mosel vom 27. Februar 1953 ist von den Gründungsmitgliedern Johann Pangretitsch, Josef Frank Ferdinand Röthel, Johann Matzele, Robert Schmuck, Josef Weiß und Adolf Grill unterzeichnet. Der erste Obmann war Johann Pangretitsch aus Obermösel.

Den Initiatoren Ferdi Wittine aus Rieg und Sepp Frank aus Tschermoschnitz ging es darum, die in die Bundesrepublik gekommenen, weit verstreut lebenden Gottscheer ausfindig zu machen, ihnen in der Not nach Möglichkeit zu helfen und ihre Entschädigungsansprüche im Rahmen des Lastenausgleichs zu vertreten. Besonders wurde versucht, die Anerkennung als Umsiedler von Seiten der Nachfolgestaaten des Deutschen Reiches zu erhalten und entsprechend dem Umsiedlungsvertrag entschädigt zu werden. Es ging aber auch darum, sich nach langer Zeit wieder zu gut nachbarlichem Beisammensein zu finden. Zu Pfingsten 1956 war dann das erste größere Gottscheer Treffen in Köln mit mehr als 400 Teilnehmern.

Am 26. April 1958 war es dann so weit, daß in München der "Gottscheer Arbeitskreis" gegründet werden konnte. Vorsitzender wurde Alois Stalzer, Niedermösel, sein Stellvertreter Max Jaklitsch, Reintal. Zu den Gründungsmitgliedern zählen: Josef Janesch, Ernst Stalzer, Rudolf Jonke, Georg Brändle, Franz Schaffer, Johann Fmk, Adolf Kikel, Friedrich und Franz Kresse und andere. Damit war der erste Zusammenschluß der Gottscheer in Deutschland vollzogen.

Bei allen Zusammenkünften wurde der Wunsch laut, die Gottscheer in Deutschland und Österreich zusammenzuschließen. Weitere Vereine wurden gebildet. Doktor Viktor Michitsch arbeitete einheitliche Satzungen aus. Auf der Hauptversammlung in Köln am 17. Mai 1959 wurden diese einstimmig angenommen und die Umbenennung in "Gottscheer Landsmannschaft" vollzogen. Der Vorstand blieb unverändert (Alois Stalzer und Max Jaklitsch). Auf dieser Tagung beschloß man einhellig, drei Landesgruppen zu bilden und so entstanden dann im Laufe des Novembers 1959 die Landesgruppe Nord-West in Köln (Vorsitzender Franz Nelles), die Landesgruppe Baden-Württemberg in Stuttgart (Vorsitzender Karl Bartelme) und die Landesgruppe Bayern in München (Vorsitzender Max Jaklitsch).

Eine wichtige Maßnahme für die überregionale, weltweite Zusammenarbeit in der Volksgruppe war die Gründung der "Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer Landsmannschaften" am 14. August 1960 in Ulm/Donau. Sie wählte in den Vorstand als Vorsitzenden Dr. Viktor Michitsch, als dessen Stellvertreter Amtmann Ferdl Wittine und als Schriftführer Schuldirektor Fritz Högler. Mit der Bildung dieser Dachorganisation wurde der Zusammenschluß der Gottscheer in Österreich und Deutschland konsequent zu Ende geführt. In Nordamerika haben sich das "Gottschee-Hilfswerk" in New York, Ridgewood und die Gottscheer Organisation in Toronto/Kanada der Arbeitsgemeinschaft angeschlossen. Damit besitzen nun die Gottscheer in aller Welt eine gemeinsame Interessenvertretung.

Im "Südostdeutschen Rat", einem Zusammenschluß der Vertriebenenorganisationen aus Südosteuropa, hat ein Delgierter der Gottscheer Landsmannschaft in Deutschland Sitz und Stimme. In Ulm/Donau wird die Hauptgeschäftsstelle der Landsmannschaft errichtet und von Alois Michitsch aus Rieg (+ 1976) geleitet.

Ein weiterer Abschnitt in der Geschichte dieser Landsmannschaft entwickelt sich 1968 mit dem Auftritt der "Gottscheer Sing- und Trachtengruppe Klagenfurt" beim Volkstumsabend der Donauschwaben in Sindelfingen, der Patenstadt der Volksdeutschen aus Jugoslawien. Die Gottscheer Volkslieder, die Mundart- und Brauchtumstradition (dargestellt vom 1. Vorsitzenden und Kulturreferenten Richard Lackner) erhielten nicht nur spontanen Beifall im voll besetzten großen Saal der Stadthalle, sondern es war, als ob sich Geist und Leben der 600jährigen Sprachinselgemeinschaft vorgestellt hätten. Eine Welle der Zuneigung schlug den Gottscheern entgegen. Die Stadt Sindelfingen, vertreten durch den Oberbürgermeister Arthur Gruber, die Vertreter der Landesregierung von Baden-Württemberg und des Bundesministers des Inneren in Bonn äußerten die Bereitschaft, die Kulturpflege des Gottscheertums zu unterstützen.

Danach konnten die Gottscheer Landsmannschaften eine verstärkte Breitenarbeit auf kulturellem Gebiet unter der Führung Richard Lackners, dem Vorsitzenden der "Gottscheer Landsmannschaft" in Ulm, entwickeln. Zur Zeit führt er mit Max Jaklitsch die Gottscheer Landsmannschaft in Deutschland.

Gottscheer Zeitung

Der 1928 in Göttenitz als Sohn eines Land- und Gastwirtes (Gru
abarsch) geborene Rechtsanwalt Dr. Viktor Michtisch gehörte schon frühzeitig zu den Männern in Kärnten, die nach Wegen suchten, um den Zusammenhalt der letzten Gottscheer Generation zu finden und zu sichern. Als wirksamstes Bindeglied wurde die Wiedergründung der "Gottscheer Zeitung" erachtet. Die ersten Gespräche dazu fanden bereits 1953 zwischen Oberstudienrat Peter Jonke, Obermösel, Regierungsrat Sepp König, Altlag, Volksschuldirektor Fritz Högler, Altlag, Dr. Viktor Michitsch, Göttenitz, und Pfarrer Heinrich Wittine, Lichtenbach, statt. Die Vorausberechnung der Herstellungskosten bestätigte die Vermutung, daß die selbstständige Herausgabe finanziell nicht tragbar war. 1954 wurde dann ein Zeitungsausschuß mit folgenden Mitgliedern eingesetzt:

Sepp König, Altlag (Obmann) Albert Loser, Grafenfeld Viktor Stalzer, Reichenau
Fritz Högler, Altlag Dr. Viktor Michitsch, Göttenitz Erich Sterbens, Obermösel
Peter Jonke, Obermösel Walter Samide, Langenton Hubert Truger, Gottschee/Stadt

Am Rande sei bemerkt, daß Albert Loser bald nach der Gründung des Ausschusses in die USA auswanderte und seit geraumer Zeit in New York die redaktionelle Vertretung der "Gottscheer Zeitung" wahrnimmt. Viktor Stalzer folgte dem am 4. Juli 1969 verstorbenen Hubert Truger als Verantwortlicher für Inhalt und Aufmachung.

Nach der finanziellen Absicherung durch die beiden Gottscheer Vereine in Klagenfurt und Graz stand dem Erscheinen der neuen "Gottscheer Zeitung" nun nichts mehr im Wege. Zum ersten Schriftleiter wurde durch den Besitzer und Herausgeber, also die Landsmannschaft, Fritz Högler, berufen. Die erste Nummer erschien im Juni 1955. Das Impressum weist die "Gottscheer Landsmannschaft" in Klagenfurt als Eigentümerin, Verlegerin und Herausgeberin aus. Das einmal im Monat erscheinende Blatt wurde einige Jahre in Wolfsberg-Lavanttal und wird nun bei der Großdruckerei Carinthia in Klagenfurt gedruckt.

Die alte-neue "Gottscheer Zeitung" wurde von ihrer Leserschaft begeistert begrüßt. Flugs erhielt sie den Kosenamen "d
a Gatscheabarin", die Gottscheerin. Sie erreichte nach einer kurzen Anlauf- und Werbezeit eine Auflage, die sie daheim nie erzielt hatte: rund 3300 Exemplare. Von ihrer Aufgabe her, Bindeglied und Sprachrohr der Gottscheer zu sein, stellt sie eigentlich einen regelmäßig erscheinenden, überdimensionalen gedruckten Familienbrief dar. Sie nennt sich jedoch mit Recht Zeitung. Sie ist es nicht nur in ihrer äußeren Aufmachung, sondern auch inhaltlich, denn sie erstattet bis in alle Einzelheiten Bericht für die Öffentlichkeit aus der Öffentlichkeit der letzten Gottscheer Generation. Wie bei einer Tageszeitung beträgt die Zahl der Leser ein Mehrfaches der Bezieher. Ein wesentlicher Unterschied gegenüber der Tageszeitung ist allerdings anzumerken: Die große Tagespolitik schlägt sich nur selten in ihren Spalten nieder. Ihr Durchschnittsleser sucht darin ja auch keine Politik, trägt sie doch als Leitspruch: "Mit der Heimat im Herzen über Land und Meer verbunden!"

Wenige Zeitungen dürften ein solch passioniertes Leserpublikum aufzuweisen haben, wie die "Gottscheer Zeitung". Sie wird buchstäblich von vorne bis hinten und umgekehrt gelesen, oft wiederholt, aufgehoben und wieder gelesen. Und nicht wenige alte Gottscheer lassen, wenn sie eintrifft, alles liegen und stehen, weil sie erst einmal "d
a Gatscheabarin" lesen müssen. Das Um und Auf jeglicher Berichterstattung, - nämlich das Wer? Was? Wo? Wann? Wie? und Warum? - liest sich in der Heimatzeitung viel fesselnder und persönlicher als in der Lokalzeitung des neuen Wohnortes. Schon der Leitartikel befaßt sich mit einzelnen, alle Leser interessierenden, aktuellen oder jahreszeitlich bedingten Themen. Darauf folgen Berichte über die Tätigkeiten der Landsmannschaften und Vereine, Erinnerungen an bemerkenswerte Persönlichkeiten oder Einrichtungen des "Ländchens", ernste und heitere Geschichten aus alter Zeit.

Die nächste Spalte, "Aus dem Leben unserer Landsleute", bringt in bunter Fülle Einzelnachrichten und -berichte, vor allem über die Lebensstationen, die allen Menschen gemeinsam sind, Geburt und Tod, Hochzeiten und persönliche Ehrentage, Besuche hüben und drüben sowie Briefe. Außerordentlich zahlreich sind die Photos aus der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit, mit denen die Schriftleitung die beiden Hauptthemen variiert, die den gesamten Lesestoff überlagern, Familie und verlorene Heimat. Eine ständige Kulturbeilage veröffentlicht Aufsatzreihen über geschichtliche, kulturelle, volkskundliche, auch wirtschaftliche Themen, ferner Erzählungen in hochdeutscher und mundartlicher Darstellung, neue Gedichte, sprachwissenschaftliche Aufsätze, und anderes mehr.

Die Auflage ist inzwischen unter dreitausend gesunken und sinkt weiter. Die Todesnachrichten und -anzeigen auf der letzten Seite sagen uns, warum. -

Die umfangreichste Ankündigung und Berichterstattung widmet die "Gottscheer Zeitung" dem Volksfest in New York, den Feiern in Cleveland, den Wallfahrten in Klagenfurt und Maria Trost, den Treffen in Aichelberg (Schwarzwald), in Kanada und Australien sowie der alljährlichen "Gottscheer Kulturwoche", den Weihnachtsfeiern und sonstigen Zusammenkünften der Landsleute in aller Welt. Alle diese Veranstaltungen stehen zahlenmäßig weit hinter dem Jahrestreffen etwa der Sudetendeutschen, Siebenbürger oder Donauschwaben zurück, vermögen jedoch in ihrer Absicht, Anlage und Durchführung auch den Nicht-Gottscheer zu beeindrucken. Wenn wir die Veranstaltungen außerhalb der USA als Gegenstück zu der Großveranstaltung in Nordamerika betrachten, so ersehen wir allein schon aus den Teilnehmer-Zahlen, wo heutzutage die meisten Gottscheer leben. Niemals könnten wir in Europa solche Besucherzahlen erreichen (5000 und mehr!). Hier können wir mit Hilfe von drüben bestenfalls 2000 zählen, ob dies nun in Österreich oder in Deutschland wäre.

Zum Schriftleiter der neuen "Gottscheer Zeitung" wurde, wie schon angeführt, der Volksschuldirektor Fritz Högler von der Landsmannschaft in Klagenfurt bestellt. Sein Nachfolger wurde 1962 Landsmann Herbert Erker aus Mitterdorf. Von ihm übernahm Hauptschuldirektor Ludwig Kren aus Mitterdorf 1971 diese mühevolle aber auch schöne Aufgabe.

Der Gottscheer in aller Welt

Das Leben war weiter gegangen. In den fünfziger Jahren hatten sich die Flüchtlingslager geleert, in den sechziger Jahren kamen dann auch die Gottscheer in Österreich und Deutschland zur Ruhe. Alle besaßen nun den politischen Frieden in ihren neuen Heimatländern und erholten sich auch wirtschaftlich. An harte Arbeit gewöhnt, schufen sie sich nicht nur in Übersee, sondern auch in Europa ihre schmucken Eigenheime und Eigentumswohnungen. Der Gottscheer war wieder seßhaft, aber leider nicht in geschlossenen Siedlungen. Dies gelang nur teilweise in den USA (Walden und Hawley, Pa.), wo etliche Gottscheer in einer Dorfgemeinschaft leben. Umsomehr hatte er das Bedürfnis, sich Treffpunkte zu schaffen, wo er dem einstigen Nachbarn in die Augen sehen konnte. Auch die Toten wollte er nicht vergessen. So entstanden in Österreich und Deutschland in den sechziger und siebziger Jahren drei Gedenkstätten, und zwar in Krastowitz bei Klagenfurt, Maria Trost bei Graz und Aichelberg im Schwarzwald.

Das Symbol der "Gottscheer Gedächtnisstätte" bei Klagenfurt ist die Schloßkirche von Krastowitz, einem alten Herrensitz in unmittelbarer Nähe des Flughafens in Klagenfurt/Annabichl. Sie wurde von der Landsmannschaft Klagenfurt unter mehreren Möglichkeiten deshalb ausgewählt, weil sie auf Kärntner Boden steht, vom bischöflichen Ordinariat Klagenfurt/Gurk kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, und, nach Größe und Baustil beurteilt, gut eine Filialkirche im Gottscheerland hätte sein können. Das Gotteshaus wurde nach gründlicher Renovierung den Gottscheern mit der Aushändigung des Schlüssels an den beliebten Geistlichen Rat Alois Krisch im September 1962 übergeben. Die Renovierung war durch zahlreiche Spenden, insbesondere von Amerika-Gottscheern, ermöglicht worden. An der linken Innenseite des Kirchenschiffes kündet eine Granittafel nachstehenden Inhalts von seiner besonderen Zweckbestimmung:

GÖTT WU TR IN HIMML, BIR PATN GUAR SCHEAN
SHÖ LUESS INSHR HOIMOT IN HARZN PESCHTEAN
1330 - 1918
1941 - 1945
GEWEIHT DEM GEDENKEN AN DIE HEIMAT
G O T T S C H E E
WIR GEDENKEN ALLER, DIE IN DER HEIMAT
RUHEN + IN DEN KRIEGEN IHR LEBEN GABEN +
DURCH DIE DRANGSAL DER ZEIT GESTORBEN ODER
VERSCHOLLEN SIND + IN VIELEN LÄNDERN DER ERDE
DEN EWIGEN FRIEDEN GEFUNDEN HABEN.


Die Schloßkirche von Krastowitz birgt außerdem zwei Kostbarkeiten, ein "Gedenkbuch" mit den Namen der gefallenen Gottscheer beider Weltkriege und der Todesopfer der Vertreibung und Flucht aus der Untersteiermark. Das Buch wurde von Richard Lackner graphisch gestaltet. Im Turm aber hängt seit 1966 die kleine Glocke der Franziskuskirche in der Nähe von Rieg im Hinterland.

Die "Gottscheer Landsmannschaft Klagenfurt" kaufte das Gelände um die Schloßkirche im Ausmaß von 7600 Quadratmeter. Die Landeshauptstadt verlieh diesem Treffpunkt durch Senatsbeschluß die Bezeichnung "Gottscheer Gedächtnisstätte" und gab der dorthin führenden Straße den Namen "Gottscheer Straße".

In Leoben, Steiermark, gründeten 1964 die Landsleute Fritz Högler, Alois Kresse, Alois Krauland, Johann Schemitsch und andere den Verein "Gottscheer Gedenkstätte", der den Zweck hatte, in Steiermark aus eigener Kraft einen Erinnerungsbau an Gottschee zu errichten. So entstand nach eifrigem Sammeln von Spenden, die besonders reichlich aus den USA flössen, in der Nähe der weithin bekannten Wallfahrtskirche "Maria Trost" bei Graz ein moderner Kirchenbau, welcher der Heimat Gottschee gewidmet ist. Auf Marmortafeln sind das Gottscheerland sowie jene Landsleute verzeichnet, die durch die Wirren beider Weltkriege umgekommen sind.

Am letzten Sonntag im Juli jeden Jahres finden sich die Vereinsmitglieder und viele andere Landsleute in Maria Trost zum Gedenken an die Heimat und der Verstorbenen ein. Der Samstag ist einem Festabend gewidmet und der Sonntag der Totenmesse und der Wiedersehensfreude.

Mitten im Schwarzwald nahe der Ortschaft Aichelberg (Baden-Württemberg) steht seit dem Sommer 1975 die dritte Gedenkstätte der Gottscheer in Europa. Es ist dem Landsmann Richard Lipowitz aus Suchen nach mehrjährigen Bemühungen mit Hilfe der Stadtgemeinde Bad Einöd und durch Spenden von Landsleuten gelungen, hier eine Erinnerungsstätte an unsere verlorene Heimat Gottschee zu errichten. Dieser Gottscheer Brunnen besteht aus einem riesigen Stein (es ist ein Findling mit zwölf Tonnen), der mit dem Wappen der Stadt Gottschee geschmückt ist. Auf einem weiteren Stein befindet sich eine Gedenktafel mit folgendem Inhalt:

"Dieser Brunnen wurde 1975 gebaut zur Erinnerung an die Sprachinsel Gottschee in Krain-Jugoslawien. Um 1330 haben deutsche Waldbauern Gottschee gegründet.

1941 verloren die Gottscheer ihr Land durch die Umsiedlung der Volksgruppe. 1945 mußten sie das Ansiedlungsgebiet in der Untersteiermark verlassen und in vielen Ländern eine neue Heimat suchen."


Ein liegender Stein (drei Tonnen) trägt die Brunnenschale. Am 17. Juli 1977 wurde unter Teilnahme von offiziellen Vertretern der Regierung in Bonn, der Landesregierung in Stuttgart, der örtlichen Gemeindevertretung sowie des Gottscheer Trachtenchors Klagenfurt und die Vertreter der Gottscheer Organisationen in Deutschland und Österreich diese Gedenkstätte feierlich eingeweiht. Sie dient nun dem Treffen der Gottscheer in Deutschland.
An allen Stätten landsmannschaftlicher Begegnungen, der Erinnerungen und Gefühle, finden wir sie wieder, die leuchtenden Augen, die freudigen Zurufe, das sinnende Lauschen, gelöstes Lachen und melancholisches Singen wie bei allen Treffen von Gottscheern.

Die Feiern in Klagenfurt und Graz werden verschönt durch die "Sing- und Trachtengruppe der Gottscheer Landsmannschaft in Klagenfurt". Sie entstand bereits aus kleinen Anfängen 1952. Ins Leben gerufen wurde sie vom damaligen Hauptschullehrer Bruno Jonke, später führte sie Frau Mitzi Verderber. Lange Zeit wurde die Gruppe aber von Frau Schuldirektorin Amalia Erker, die selbst eine Anzahl von Mundartliedern schuf, und später von Hans Brugger betreut. Die Mundartliederwerden in den siebziger Jahren von Volksschuldirektor Walter J. Siegmund aus Altbacher dirigiert, während die vom Chor gesungenen Kärntnerlieder vom Kärntner Volksschuldirektor Stefan Slamanig betreut werden, dessen Gattin die Gottscheerin Berta Tscherne ist. Slamanig hat auch mehrere Gedichte in gottscheerischer Mundart vertont und durch den Chor zu Gehör gebracht.

Die Gruppe tritt bei allen wichtigen Veranstaltungen der Gottscheer Landsmannschaften in Österreich und in der Bundesrepublik Deutschland auf. Dabei erntet sie freudigen Beifall, bei den Gottscheern verständlicherweise aber stürmischen Dank.

Gottscheer Kulturwoche

In der Geschichte der Gottscheer waren wenig glückliche Ereignisse zu verzeichnen. Die "Gottscheer Kulturwoche" scheint ein solches zu sein. Sie ist in der Idee und Gestaltung das Werk eines einzelnen Mannes, des Oberschulrates Hermann Petschauer aus Lichtenbach. Er gründete sie 1966 und leitet sie seither ohne Unterbrechung. Sie bildet das geistige Forum, auf dem Forschungsergebnisse über die ehemalige Sprachinsel Gottschee in wissenschaftlichen Vorträgen und Lichtbildreihen sowie Lesungen dargestellt werden. Diese Veranstaltungen finden im Vortragssaal der im Schloß Krastowitz untergebrachten "Bäuerlichen Volkshochschule Dr. Arthur Lemisch" des Landes Kärnten statt. Das Schloß Krastowitz wurde für ihre Zwecke stark erweitert. Diese Anstalt stellt den Gottscheern die Unterrichts- und Unterkunftsräume Ende Juli bis Anfang August für sieben hochgestimmte Tage zur Verfügung. Die Schloßkirche von Krastowitz, die keine hundert Meter von der "Bäuerlichen Volkshochschule entfernt steht, aber ist das Endziel der "Gottscheer Wallfahrt".

So nahe beieinander liegen die Stätten der Begegnung mit der Gottscheer Geschichte und mit der letzten Gottscheer Generation. Ein Zufall? Ja und nein, denn Hermann Petschauer erkannte als Teilnehmer der ersten Wallfahrten die günstigen Voraussetzungen für die Abhaltung eines historischen Seminars, das ihm schon länger vorschwebte. Als er dann bei der Landwirtschaftskammer von Kärnten beantragte, auf Schloß Krastowitz während der Ferien einen Kurs für Gottscheer Geschichte abhalten zu dürfen, fand er viel Verständnis und die Zustimmung. Ein reiner Zufall aber ist es, daß der gegenwärtige Direktor der "Bäuerlichen Volkshochschule Krastowitz , Dipl.-Ing. Dr. Kurt Erker, von Gottscheer Eltern aus Mitterdorf abstammt Er selbst ist in Kärnten geboren, sein Vater war als Regierungsrat bei der Landesregierung tatig. "

Zielstrebig hat Hermann Petschauer aus der Reihe der Wissenschaftler, denen Gottschee zu einer Herzensangelegenheit geworden ist, sowie aus der Volksgruppe selbst eine Anzahl von vortragenden Damen und Herren verpflichtet. Die Mundart allgemeine und kulturelle Geschichte, die Volkskunde und das Erzählgut, aber auch die Mundartdichtung der letzten Jahrzehnte, stehen bei ihren Vorträgen im Mittelpunkt.

Die Mundart wurde vom Verfasser des "Wörterbuchs der Gottscheer Mundart", Dr. Walter Tschinkel, und von Frau Univ.-Prof. Dr. Maria Hornung vertreten Sie wird es künftig allein tun, weil Walter Tschinkel im Oktober 1975 allzu früh starb. Die beiden Wissenschaftler arbeiteten unter der Ägide des kurz vor Tschinkel verstorbenen Universitätsprofessors Dr. Eberhard Kranzmayer viele Jahre eng zusammen, so daß Maria Hornung in der Lage war, dem dahingeschiedenen Gottscheer Gelehrten einen letzten Freundschaftsdienst zu erweisen: An seiner Stelle las sie die Schlußkorrekturen des zweiten Bandes seines Mundart-Wörterbuches.

Während Dr. Tschinkel die sprachgeschichtliche Substanz seiner Heimatsprache betonte, beschäftigt sich die Wiener Univ.-Professorin überwiegend mit der Bedeutung des Gottscheer Dialektes für die deutsche Sprachforschung überhaupt und für die tirolerisch-kärntnerischen Mundarten im Herkunftsgebiet der Gottscheer und stellt Vergleiche mit den Sprachinseln in Oberitalien an. Sie ist überdies Gründerin und Leiterin eines Arbeitskreises, der sich mit der Vertiefung der Kenntnisse über diese von Österreich her kolonisierten Siedlungsgebiete befaßt.

Die Gottscheer Volkskunde ist bei Frau Dr. Maria Kundegraber, Kustos des "Bäuerlichen Museums" in Stainz bei Graz, und bei dem emeritierten Wiener Universitätsprofessor Dr. Richard Wolfram in den besten Händen. Maria Kundegraber beschäftigt sich hauptsächlich mit den Gegenständen des täglichen Hantierens im gesamten Lebensbereich des Bauern in der ehemaligen Sprachinsel, Gegenständen, welche die Gottscheer daheim noch selbst hergestellt haben. Ferner hat sie sich mit Lichtbildvorträgen der von der Zerstörung durch Mensch und Natur verschonten Kirchenmalerei zugewandt. Außerdem ist sie den alten Wallfahrtswegen der Gottscheerinnen und Gottscheer zu entlegenen und nahen Gnadenorten nachgegangen.

Die Forscherin kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der ehemaligen Sprachinsel in Berührung. Glücklicherweise gelang es ihr noch rechtzeitig, bei Nichtumsiedlern zahlreiche volkskundlich interessante Gegenstände zu erfassen und für das Wiener Volkskundemuseum sicherzustellen. Außer ihren Vorträgen auf der "Gottscheer Kulturwoche" und anderen Orten veröffentlichte sie eine größere Zahl von Aufsätzen zu ihren Spezialthemen, von denen hier einige genannt seien:

"Eine Reise nach Gottschee", "Donau- und Karpatenraum", Wien 1961.
"Die Wallfahrten der Gottscheer". österreichische Zeitschrift für Volkskunde 65 (1962)233-260.
"Bibliographie zur Gottscheer Volkskunde", Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 7 (1962/63), 233-272.
"Gottscheer Ochsenjoche". Ein Kapitel aus der Gottscheer Gerätekunde. Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde.
"Heutragen und Heuziehen in Gottschee", Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde.
"Das Schicksal der Gottscheer Volksliedsammlung" (1906-1912). Jahrbuch des österreichischen Volksliedwerkes 13 (1964) 143-148.
"Zwei Andreas-Lieder aus Pöllandl in Gottschee". Jahrbuch des österreichischen Volksliedwerkes 13 (1964) 131-133.
"Entstehung und Bedeutung der Gottschee-Sammlung des österreichischen Museums für Volkskunde". Carinthia I 155 (1966) 799-834.
"Die Kosmas- und Damian-Wallfahrt nach Oberburg". In: Festschrift für Leopold Kretzenbacher, München, 1972.
"Gottscheer Putscherlein und mittelalterliches Pilgerfäßchen". In: Festschrift für Leopold Schmidt, Wien, 1972.
"Die Gottscheer Frauen-Festtracht - ein Relikt mittelalterlicher Mode". In: Festschrift für Hanns Koren, Graz, 1966.
"Das Gottscheer Hemdkleid". In: Zs. für historische Waffen- und Kostümkunde 1971 (München).
"Die Frauenjoppe in Pöllandl, Gottschee". In: Slovenski etnograf, etwa 1970.

Der beste Kenner des Gottscheer Brauchtums ist zweifelsfrei Universitätsprofessor Dr. Richard Wolfram. Seine tiefschürfenden Kenntnisse aus diesem etwas vernachlässigt gewesenen Gebiet sind umso höher einzuschätzen, als es der Kulturkommission beim deutschen Umsiedlungsbeauftragten in Laibach dank einer italienischen Schikane nicht mehr möglich war, ihre volkskundliche Forschungsarbeit rechtzeitig vor der Umsiedlung in Angriff zu nehmen. Nicht nur für einen Gottscheer ist es fesselnd, Wolframs Schilderungen der Brauchtumsgeschehnisse zur Weihnacht und beim Jahreswechsel, der Sommer- und der Wintersonnenwende und des Osterfestes, wie bei Hochzeit und Taufe zu lauschen und mitzuerleben, was an Hand tätigen Brauchtums in der Phantasie der Menschen in der alten Sprachinsel vor sich ging. Vieles davon ist von der Ansiedlung her noch überliefert und heidnischen Ursprungs, manches hat sich nur in Gottschee erhalten und wenig wurde von der slawischen Umgebung übernommen. - Prof. Wolfram begann seine Forschungsarbeit noch in dem bewohnten Gottscheerland und brachte sie in den Flüchtlingslagern zu Ende. Bisher veröffentlichte er sechs längere Aufsätze über das Brauchtum der Gottscheer in dem "Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde", N. G. Elwert-Verlag, Marburg. Er beabsichtigt, sie in einem Band zusammenzufassen.

Mehrere Vorträge steuerte der Verfasser zur "Gottscheer Kulturwoche" bei. Er behandelte unter anderem die Entstehungsgeschichte der ehemaligen Sprachinsel, die Genealogie der Häuser Ortenburg und Auersperg sowie die Sagen und Märchen der Gottscheer.

Daß die Gottscheer Mundart auch für die reine, insbesondere lyrische Poesie verwendbar ist, legte Richard Lackner in mehreren Lesungen zahlreicher Gedichte aus jüngster Zeit dar. Er selbst erwies sich dabei als stilsicherer und begabter Poet, der ein feines Gespür dafür besitzt, was man der Gottscheer Mundart als dichterisches Ausdrucksmittel zumuten kann und was nicht. Einige ähnliche Begabungen brachte die letzte Gottscheer Generation hervor. Lackner rezitierte beispielsweise aus dem Sammelbändchen "Spätherbst" (Dar schpu
ata Herbischt), worin außer ihm Bernhard Hönigmann, Ludwig Kren, Hilde Otterstädt geb. Erker und Karl Schemitsch zu Worte kommen.

Ein Tag der Kulturwoche gehört einer Art Pilgerfahrt. "Pilgerfahrt" deshalb, weil die Reise von Klagenfurt nach Spittal eine gleichnishafte Heimkehr in das Herkunftsgebiet der Urahnen darstellt. Ihr eigentliches Ziel ist der bauliche Mittelpunkt der Draustadt, Schloß Porcia, das Gabriel Salamanca um 1527 erbauen ließ. Der vielbewunderte Renaissance-Bau steht aus Gründen, die hier nicht zu erörtern sind, mit dem Namen Ortenburg in Verbindung.

Wiewohl das Schicksal die Gottscheer und ihr "Ländchen" mit viel Unglück überschüttete, gönnte es ihnen gleichsam einige mildernde Umstände. Nicht so, als ob die Geschichte über sie zu Gericht gesessen und ihnen ein paar Erleichterungen zugestanden hätte - sie hat ihnen vielmehr einige Sternstunden gegönnt, damit ihr Los nicht ganz und gar unerträglich würde. Bis zum Jahre 1918 waren es eigentlich nur vier, sie waren jedoch für den Fortbestand des Gottscheerlandes von ausschlaggebender Bedeutung:

Das Waldgesetz des letzten Ortenburger Grafen Friedrich III. aus dem Jahre 1406 griff nicht weniger tief in die Grundlagen des Bestehens der Sprachinsel ein, als der Kauf der Grafschaft Gottschees durch den Grafen Wolf Engelbrecht von Auersperg 1641 oder die Erhebung der Grafschaft zum Fidei-Kommiß durch den Fürsten Johann Weikhart von Auersperg, dessen überaus erfolgreiches, dennoch unglückliches Leben 1677 zu Ende ging. Den wissenschaftlichen Meilenstein auf dem Wege zu einer Gottschee-Kunde aber setzte Adolf Hauffen 1895 mit der Herausgabe seines Werkes "Die deutsche Sprachinsel Gottschee". - Nach 1918 blieben den Gottscheern weitere geschichtliche Lichtpunkte versagt, es sei denn, man bezeichnet die Sechshundertjahrfeier als solchen. Das Völkchen aus dem Karst und sein "Ländchen" schienen für immer in die Geschichtslosigkeit zurückgeworfen zu sein, gleichsam nicht mehr teilnahmeberechtigt am Völkerleben, gewogen und zu leicht befunden. Das erste Signal, daß es trotzdem noch lebt, gab 1946 die Gründung des "Gottschee-Hilfswerks" in New York. Und daß es nicht daran dachte, seine Traditionen und Erinnerungen aufzugeben, beweisen drei Stationen, die fast wie Informationsstände auf dem Weg in die absehbar kurze Zukunft des Gottscheer Völkchens wirken: Die Idee der "Kulturwoche", das "Wörterbuch der Gottscheer Mundart" und - die "Gottschee-Schau" im Schloß Porcia.

Die "Gottschee-Schau" verdankt ihr Entstehen dem Gründer und Kustos des "Bezirksheimatmuseums für Oberkärnten", Prof. Helmut Prasch. Wie fast alle Kenner und Förderer des Gottscheertums, gehört auch er dem Lehrstande an. Die Symbolkraft des Vorhandenseins der "Gottschee-Schau" in Spittal an der Drau im Oberkärntner Heimatmuseum und im Schloß Porcia bedarf keiner weiteren Sinndeutung, sie liegt auf der Hand. Ergänzend sei jedoch soviel gesagt, daß diese ständige Gottschee-Ausstellung in der bestehenden Form kaum oder gar besser anderswo entstanden wäre, hätte nicht auch hier der Zufall mitgewirkt. Helmut Prasch und Walter Tschinkel waren vor dem Zweiten Weltkrieg im Bezirk St. Veit an der Glan Lehrer an zwei benachbarten Volksschulen. Prasch hatte das Gottscheerland bereits lange vor der Umsiedlung kennengelernt. Sein Wissen über die Abstammung, Geschichte und Kultur der Gottscheer vertiefte sich in zahlreichen Gesprächen mit Tschinkel soweit, daß er nach der Einrichtung des Bezirksheimatmuseums beschloß diesem eine Gottschee-Abteilung anzugliedern. Sie sollte das 1921 von Pfarrer Josef Eppich gegründete Heimatmuseum in Gottschee, aber auch den sechshundertjährigen Lebenskreis Kärnten und Osttirol - Gottschee - Kärnten sichtbar machen und schließen.

Breitet die "Kulturwoche" im Vortragssaal des Schlosses Krastowitz die geistige Schau der sechshundertjährigen Geschichte der Gottscheer aus, so betrachtet der Besucher der "Gottschee-Schau" im Schloß Porcia viel Gegenständliches, das den alten Bauern im "Ländchen" täglich umgab und das, von modernem Zeug verdrängt in irgendeinem Winkel auf dem Dachboden neuerlicher Betrachtung entgegenschlummerte. Vom einfachsten Haushaltsgerät bis zur Tracht, vom "Pütsch
ale" bis zum Ochsenjoch von der ersten Nummer des "Gottscheer Boten" bis zum Wörterbuch Walter Tschinkels ist vieles von dem ausgelegt, was Umsiedlung und Flucht überstanden hat. Allmählich schließen sich die in der damaligen Hast entstandenen Lücken. Dann und wann bringt die neue "Gottscheer Zeitung" Listen mit weiteren Schaustükken, unter denen sich wiederholt Schenkungen des Prinzen Carl von Auersperg befinden. Prinz Carl, der letzte Sohn des letzten Herzogs von Gottschee, Fürst Carl von Auersperg, lebt auf Schloß Wald bei St. Pölten, wo immer wieder Gottscheer zu einem Gedankenaustausch einkehren. Der derzeitige nominelle Träger des Herzogtitels von Gottschee, Carl Adolf, lebt in Uruguay, Südamerika.

Die "Kulturwoche" und die "Wallfahrt" finden bei Presse, Funk und Fernsehen in Kärnten ein lebhaftes Echo. Offizielle Vertreter des Landtags, der Landesregierung und des Senats sowie der Bürgermeister der Landeshauptstadt Klagenfurt nehmen an der Eröffnung der "Kulturwoche", die durch den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer Landsmannschaften, Dr. Viktor Michitsch, vorgenommen wird und an dem Empfangsabend vor dem Wallfahrtssonntag teil.

Der frühere Bürgermeister, Hofrat Dr. Hans Ausserwinkler, ging noch einen Schritt weiter. Er besuchte im Jahre 1973, begleitet von Dr. Michitsch und Dr. Herbert Krauland, dem Schriftführer der "Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer Landsmannschaften", das frühere Siedlungsgebiet der Gottscheer. Das gleiche tat - das sei hier vorweggenommen - der langjährige Oberbürgermeister der württembergischen Industriestadt Sindelfingen, Arthur Gruber. In seiner Begleitung befanden sich außer den beiden genannten Herren Hermann Petschauer und für die "Gottscheer Zeitung" Viktor Stolzer. Oberbürgermeister Gruber wurde auf der Hinfahrt in Laibach (Ljubljana) samt seiner Begleitung vom dortigen Bürgermeister und von Regierungsmitgliedern der Teilrepublik Slowenien zu einem Freundschaftsbesuch empfangen.

Während der Amtszeit Arthur Grubers wurde Sindelfingen im übrigen zur Patenstadt der Deutschen aus Jugoslawien erklärt. Hier entstand mit großzügiger Unterstützung der Stadt das "Haus der Donauschwaben", das in Erinnerung an die ehemalige Schicksalsgemeinschaft in Jugoslawien auch den Gottscheern jederzeit offensteht. In seinem kultivierten Rahmen machten sie beispielsweise im April 1974 eine größere Öffentlichkeit mit dem "Wörterbuch der Gottscheer Mundart" bekannt, wie dies auch in Wien und Klagenfurt vorher geschehen war. Die Festansprache hielt jeweils sein Verfasser, Dr. Walter Tschinkel.

Der Gottscheer Waldbauer wird zum Städter

Alle Gottscheer der letzten Generation entstammen, mit geringen Ausnahmen, durch Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern, einem Bauernhaus. Und jeder aus ihrer Mitte lebt nun in einer Stadt. Ein oberflächlicher Beobachter mag in dieser soziologischen Verhaltensweise, nämlich der totalen Landflucht, nach der Umsiedlung und der Abkehr vom Hausierwesen bei den sogenannten Umsiedlern von 1941 eine negative Auslese und sozusagen den biologischen Bodensatz der sechshundert Jahre Gottscheer Geschichte sehen wollen. Wer so denkt, ist nicht bis ans Ende des Gottschee-Problems vorgestoßen. Es ist doch nicht so, daß es in deutschen Landen und im übrigen Europa keine Landsleute gegeben hätte. Er mag auch von Entwurzelung reden. Doch Entwurzelung und Entwurzelung kann zweierlei sein. Die Vertreibung bäuerlicher Menschen von Haus und Hof bedeutet nicht, jedenfalls nicht bei den Gottscheern, zwangsläufig den Verlust der das Leben bestimmenden moralischen, sittlichen und geistigen Werte. Ebensowenig wie Gottscheer in den Slums von New York, Cleveland und Chicago verkamen, darf man den Umsiedlern des Jahres 1941 entgegenhalten, sie seien von vornherein entwurzelt gewesen, weil sie nicht einmal den Versuch unternahmen, wieder in der Landwirtschaft Fuß zu fassen. Wo hätten sie das auch tun sollen? Die Rückkehr in die alte Heimat, wie dies den vertriebenen Slowenen in der Untersteiermark gegönnt wurde, war ausgeschlossen. Ihnen blieb keine Wahl, als aus den Lagern weiter zu wandern, und wenn sie Glück hatten, war der Weg zum nächsten Verwandten oder Freund nicht weit. So wie die Landsleute drüben, jenseits des Ozeans, bewiesen die Umsiedler in Österreich und Deutschland, daß sie Halt und Haltung besaßen und vor keiner zumutbaren Aufgabe kapitulierten.

Man trifft die unternehmungsfreudigen Söhne und Töchter der letzten "Besitzer" in Gottschee als kleine und mittlere Unternehmer, Handwerker, Inhaber von Dienstleistungsbetrieben, Geschäften und Restaurants, man findet sie in geistigen Berufen, als Juristen, Ärzte und Beamte, vor allem aber als Lehrer und Lehrerinnen. Der verhältnismäßig hohe Prozentsatz an geistig Berufstätigen ist weiter nicht erstaunlich, denn das alpenländische Österreich war ja, besonders seit der Gründung des Gymnasiums in Gottschee, für die überschüssige Gottscheer Intelligenz einschließlich der gehobenen Handwerksberufe das natürliche Ausweichfeld. Auch hier ist noch das Lebensgesetz von der Enge des Raumes zu spüren.

Mancher Nicht-Gottscheer unter den Lesern wundert sich vermutlich über die große Zahl an Familiennamen in diesem Buch, die er mit dem anderen Lesestoff mitschleppen muß. Wenn er jedoch bedenkt, daß es vor allem in die Hände der Gottscheer geschrieben ist, begreift er plöztlich ihre starke menschliche Aussage und geschichtliche Erinnerungskraft.

War es bisher schon nicht einfach, die in der Gottscheer Öffentlichkeitsarbeit stehenden bzw. in der Pflege des Heimatgedankens tätig gewesenen Männer und Frauen auszuwählen, so ist es nun doppelt schwer, jene Gottscheer herauszustellen, die im allgemeinen Berufsleben und als Menschen hervorragende Leistungen erbracht haben. Eine Sonderleistung für das gesamte Gottscheertum oder eine hervorragende Einzelleistung außerhalb des "Ländchens" waren für die Hereinnahme von Namen in den Bericht maßgebend. Begreiflicherweise war auch eine zeitliche Abgrenzung nach rückwärts erforderlich. Der Zeitraum, der mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert begann, erhielt den Vorzug. Mit weiter zurückliegenden Lebensläufen verbinden die noch lebenden Gottscheer in den wenigsten Fällen eine Vorstellung. Zu den herausragenden Gesamtleistungen einer Familie des Gottscheerlandes gehört vor allem jene des Oberlehrers Franz Höfler, der durch lange Jahre die Volksschule in Stalzern leitete. Aus seiner Ehe mit der aus Rieg stammenden Maria Ostermann gingen elf Kinder hervor, die alle eine höhere Schulbildung genossen. Drei Söhne wurden Ärzte, der vierte Sohn Lehrer, vier Töchter Lehrerinnen, zwei übten ebenfalls geistige Berufe aus und eine Tochter starb als Lehramtskandidatin. Die bedeutendste Lebensleistung erzielte der älteste Sohn Dr. Franz Högler in Wien als Universitätsprofessor der Internen Medizin und Verfasser von rund 20 Büchern und Schriften auf seinem Fachgebiet, darunter ein grundlegendes Werk über den Diabetes. Er wurde oft von hochgestellten Persönlichkeiten des In- und Auslandes zu ärztlichen Konsultationen gebeten.

Prof. Högler fühlte sich lebenslang als Gottscheer und pflegte hilfesuchende Landsleute kostenlos zu behandeln.

Unvollendet blieb das Leben eines Sprachgenies aus Lichtenbach: Dozent Dr. Josef Stalzer, geboren 1880, gefallen 1914 in Galizien. Stalzer beherrschte 15 Sprachen, darunter das Aramäische. -

Selbst nicht mehr in Gottschee geboren, doch eindeutig gottscheerischer Abstammung, ist der weltbekannt gewordene Prof. Dr. Hermann Knaus (geboren 1892, gestorben 1971), der gemeinsam mit dem japanischen Gynäkologen Ogino die Gesetzmäßigkeit des weiblichen Fruchtbarkeitszyklus entdeckte. Seine Vorfahren waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Suchener Hochtal (Merleinsraut) nach Sankt Veit an der Glan in Kärnten ausgewandert, wo der Forscher zur Welt kam.

Ebenfalls internationalen Ruf erwarb ein weiterer Forscher aus dem Gottscheerland, Dr. med. vet. Hans Ganslmayer aus Inlauf. Dort entwickelte er für die Tiermedizin das "Antiseptom", das nach dem Tode seines Erfinders unter anderem Namen auch in die Humanmedizin Eingang fand. Dr. Ganslmayer wirkte an hervorragenden Stellen am Aufbau des Veterinärwesens in der Türkei. - Sein Bruder, Dr. med. vet. Rudolf Ganslmayer, Hofrat, stieg nach einer ungewöhnlich erfolgreichen Berufslaufbahn zum Landesveterinär der Steiermark auf.

Zweier Ärzte sei noch gedacht: Obermedizinalrat Dr. Karl Rom aus Oberdeutschau (1902-1963) machte sich durch den Aufbau der kassenärztlichen Organisation im Bundesland Niederösterreich einen Namen. Karl Rom, der seine
ärztliche Laufbahn in Ferlach im Rosental begonnen hatte, ist auch als Verfasser des historischen Romans "Rebellion in der Gottschee" bekannt geworden.

Medizinalrat Dr. Josef Krauland aus Gschwend (geboren 1897, gestorben 1973) ordinierte bis zur Umsiedlung in Gottschee/Stadt und baute sich nach der Vertreibung in Villach eine neue Existenz in einem zahntechnischen Labor auf. Mit bemerkenswerter persönlicher Hingabe führte er seit ihrer Gründung im Jahre 1960 das Amt des Schriftführers der "Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer Landsmannschaften" aus. Zu seinem Nachfolger in diesem Ehrenamt wurde der Finanzrat, Dr. Herbert Krauland, geboren in Klagenfurt, ernannt. Sein Vater war der Landesfinanzinspektor, Hofrat Dr. Josef Krauland aus Koflern, geboren 1894, gestorben 1960 in Klagenfurt.

Als großer und anerkannter Künstler, Maler und Holzschneider, ist Suitbert Lobisser in Kärnten und darüber hinaus bekannt. Seine Holzschnitte und Fresken finden noch heute Bewunderung. Der Vater Lobissers war Lehrer an mehreren Dienstorten in Kärnten, war in Mitterdorf bei Gottschee geboren und erkannte frühzeitig die zeichnerische Begabung seines Sohnes. Der Künstler hielt sich oft im Gottscheerland auf, war doch seine Schwester mit dem tüchtigen Tischlermeister Meditz in Nesseltal verheiratet und der Geistl. Rat, Pfarrer August Schauer sein bester Freund.

In den zwanziger- und dreißiger Jahren hatte die Stadt Baden bei Wien einen Bürgermeister, dem die Badener heute noch für seine Leistungen dankbar sind. Sie haben dem Gottscheer aus Grafenfeld, Josef Kollmann, ein Denkmal gesetzt, ebenso wie die Weinbauern der Umgebung für seinen wertvollen Rat. Unter dem Bundeskanzler Schober war Kollmann auch österreichischer Finanzminister.

Wie bereits ausgeführt war die Gottscheer Lehrerschaft insbesondere in Kärnten und Steiermark, aber auch in Niederösterreich, zahlreich vertreten. Allein in Kärnten wären ab 1919/20 wenigstens 60 Namen von Lehrern und Lehrerinnen zu nennen. Eine beachtenswert große Zahl von ihnen erreichte die Stellung eines Volksschul- und Hauptschuldirektors, dem in der Republik Österreich bei besonderer Leistung vom Bundespräsidenten der Titel "Oberschulrat" verliehen wird. Zwei, Dr. Walter Tschinkel und Hermann Petschauer, traten auf dem Felde der Mundartforschung bzw. dem kulturell-organisatorischen Gebiet besonders hervor.

Auf dem erzieherischen Sektor des Landes Kärnten erwarb sich die Gottscheerin Mater Alfonsa am Ursulinenkloster zu Klagenfurt außergewöhnliches Ansehen. Sie war von 1918 bis 1938 Direktor der Lehrerinnen-Bildungsanstalt, der Hauptschule (früher Bürgerschule), und der Volksschule des Klosters. Sie genoß auch außerhalb ihrer Wirkungsstätte großes Vertrauen als Helferin bedrängter Menschen. Sie trug, vermutlich als einzige Gottscheerin, den Titel "Regierungsrat". Geboren wurde sie unter dem bürgerlichen Namen Josefa Samide in Koflern 1878 und starb 1968 hochbetagt in Klagenfurt.

Gottscheer Fluggäste

Wir begleiten die Flugwanderer zwischen den beiden so ungleichen Hälften des Gottscheer Völkchens in seinem österreichischen und deutschen Exil weiter und sehen mit ihren Augen auch noch einen anderen Tatbestand: Verständlicherweise haben die älteren Umsiedler nicht in dem Maße an dem ausklingenden Wirtschaftswunder ihrer neuen Heimatländer Anteil wie die Geburtenjahrgänge, die in unserer Gegenwart voll in der Verantwortung stehen, einmal in den ihnen zugefallenen, beruflichen Aufgaben und zum anderen als Ehepartner für das gedeihliche Fortkommen der Familie. Doch auch für sie, die Alten, ist durch Renten und Pensionen, öffentliche Wohnungsbeschaffung und private Initiativen auf diesem Sektor gesorgt worden. Und sie erfahren, daß um die Weihnachtszeit vom "Gottscheer-Hilfswerk" in Amerika Spenden eintreffen und dorthin gelangen, wo sie als Hilfe angebracht sind.

Jeder, aber auch wirklich jeder der "Amerikaner" steht in seinen Gedanken vor einem anderen Reiseziel. Nicht Paris oder Rom, Rothenburg ob der Tauber und Salzburg oder die Romantische Straße, obwohl auch sehr viele von ihnen ihre Schritte zu diesen Zentren des internationalen Tourismus lenken, das heimliche Reiseziel aller ist vielmehr das Gottscheer-Land bzw. das, was davon übriggeblieben ist. Doch nur ein Teil trifft dort ein. Die anderen zögern, den endgültigen Entschluß zur Fahrt nach Gottschee zu verwirklichen. Sie wollen den goldenen Erinnerungsschatz an das "Ländchen" als Ganzes, das Dorf, ihr Elternhaus, die Nachbarn so bewahren, wie sie ihn daheim jung und emsig aufgehäuft haben. Jene aber, die die Reise in das südliche Slowenien antreten, obwohl sie aus der Zeitung, aus Briefen und Erzählungen wissen, was sie erwartet, nähern sich von Reifnitz her bange und erfüllt von einem Gemisch aus Trauer, doch auch Neugier, der Stadt. Schon nach dem Überschreiten der früheren Sprachinsel-Grenze stellen sie fest: Der Wald erobert sich das "Ländchen" zurück. Die Stadt hat sich sehr stark verändert und bietet nur noch wenige der früher so vertrauten An- und Ausblicke. Die Doppeltürme der Stadtpfarrkirche beherrschen nicht mehr allein weithin das Landschaftsbild und die Stadt, sondern es sind mehrere Betonwohntürme dazugekommen. Sie könnten ebensogut am Rande einer westeuropäischen Kleinstadt stehen, zweckmäßig, modern, doch geschmacklos.

Dafür vermißt der Besucher auf seiner kurzen Wanderschaft durch die Vergangenheit das Schloß der Grafen von Auersperg. Ihm ist zumute, als begegne er einem Denkmal, dem man den Kopf vom Rumpf geschlagen hat. Ein weiteres Stück Vergangenheit wurde beseitigt. Die Stichbahn Laibach-Gottschee, 1893 eröffnet, wurde wegen Unrentabilität aufgelassen. Der Personenverkehr wird auf der modernen, ausgebauten Staatsstraße mit Omnibussen, der Warenverkehr mit Lastwagen abgewickelt. Die beiden noch aus der Ansiedlungszeit stammenden Straßenzüge Gottschee-Obermösel-Graflinden-Unterdeutschau und Gottschee-Hohenegg-Nesseltal-Unterdeutschau dienen nur noch der Holzbringung.

Neu gebaut wurden eine hauptsächlich für den Reise- und Lastenverkehr bestimmte Straße von Gottschee/Stadt in südlicher Richtung nach Fiume (Rijeka), womit der alte Traum von der direkten Verbindung an die Adria in Erfüllung ging, und eine Waldstraße von Gottschee/Stadt in südöstlicher Richtung über den südlichen Ausläufer des Kummerdorfer Berges bis Brunnsee. Das Hinterland ist den Besuchern der früheren Sprachinsel Gottschee nach wie vor verschlossen. Die eigentlichen Gründe für diese Regierungsmaßnahme sind nicht erkennbar. Gleich nach dem Krieg ging das Gerücht, im Raum Göttenitz befänden sich Konzentrationslager. Später behauptete sich hartnäckig die Mär, in der Nähe von Göttenitz seien in achthundert Meter Tiefe Uranlagerstätten gefunden worden, zu denen jedermann der Zutritt verweigert wird. Ebenso sind die Gebiete von Verdreng-Hornberg und seit 1977 auch von Lichtenbach gesperrt.

Man könnte die im "Ländchen" geborenen Gottschee-Fahrer sicher auch als eine Art Heimkehrer bezeichnen, das wäre aber sehr symbolisch, denn das ursprünglich Gegenständliche der Heimat existiert nur noch in der Erinnerung. Lediglich die alten Besiedlungspunkte - wir haben sie wiederholt aufgezählt - und einige größere Siedlungen haben die Kampfhandlungen zwischen den Partisanen und der italienischen Besatzungstruppe einigermaßen heil überstanden. Die kleineren Dörfer abseits der aufgeführten Verkehrswege sind verschwunden. Die "Heimkehr" sieht in den meisten Fällen so aus: Hat man sich durch eine Wildnis durchgeschlagen und die ungefähre frühere Lage seines Geburtsortes ausgemacht, steht man fassungslos vor nur noch sehr kleinen Hügeln, überwuchert von Brennesseln, Unkraut, Gestrüpp, mächtigen Stauden, fünfundreißig-, dreißig- und zehnjährigen Bäumen, die Hügel-Gräber früherer Bauernhöfe, ehemaliger Elternhäuser. Einige Augenblicke lang schwebt einem plötzlich das Dorf vor, wie es war, die Häuser, die Scheunen, die Obstbäume, der Dorfweiher - doch das Bild ist seltsam leblos, wie eine gemalte Bühnenlandschaft. Die Menschen fehlen darin .. . "Gehen wir?"

Die meisten Kirchen sind Ruinen, die Bergkirchen verfallen. Aus manchem Ort verschwanden die Kirchenmauern und Grabsteine in Kalkbrennöfen. Nur wenige Gotteshäuser überstanden das Chaos, so jene in Mitterdorf und die Stadtpfarrkirche. Darin erinnert ein deutschsprachiges Bibelwort um den Hochaltar heute noch an ihre Erbauer, und die Betbank der Familie Auersperg an der Spitze der linken Bankreihe des Kirchenschiffes ist erhalten geblieben.

In geringer Zahl treffen die Besucher ihrer alten Heimat auch auf ehemalige, slowenische Dorfgenossen. Diese wissen ebensogut wie die älteren Slowenen in der Berührungszone zwischen dem gottscheerisch-deutschen und dem slowenischen Siedlungsgebiet, daß mit den vertriebenen Gottscheern bis in die Krisenjahre vor der Umsiedlung ein gutes Auskommen war. Die Treffen zwischen alten Gottscheern und alten Slowenen verlaufen wie bei guten Bekannten, die sich lange nicht gesehen haben. Fünfunddreißig Jahre danach, ein Beispiel für mehrere: Der in München lebende, aus Nesselthal stammende Schreinermeister Ernst Stalzer berichtete dem Autor von einer solchen Begegnung.

Nach längerem Fragen hin und her in der Gottscheer Mundart, sagte der Slowene unvermittelt:

"Bei sheit'r g
agean?" (Warum seid Ihr gegangen?)

Alle Gottscheer bedauern, daß das slowenische Volk von 1941 bis 1945 seitens des kriegführenden deutschen Reiches schwer zu leiden hatte. Die Gottscheer hatten daran keinen Anteil. Die Zeit vermochte manches zu heilen. Auch in Slowenien wurden inzwischen dreißig und mehr Jahrgänge geboren. Auch bei der politischen, das heißt staatlichen Führung der Slowenen ist eine Wandlung gegenüber den Gottscheern eingetreten. Sie dürfen das frühere Gottscheerland ohne Schwierigkeiten betreten und sich darin mit Ausnahme des Hinterlandes und der bereits vorher erwähnten Sperrgebiete frei bewegen. Die Abschirmung dieser Landschaften gilt für alle Fremden. Die Toleranz gegenüber den Gottscheern aber sieht die Regierung in jedem Sommer neu gerechtfertigt, denn sie bringen keine Unruhe ins Land und sie verhalten sich so, wie es ihnen die eigene Erkenntnis erlaubt: Das Gottscheer-Land ist keine politische Frage mehr.

Wenn daher die letzte, auf seinem Boden geborene Generation außerhalb Jugoslawiens und unpolitisch ihr kulturelles Erbe pflegt und historisch getreu zu bewahren trachtet, so geschieht dies aus den gleichen Beweggründen, wie auch andere Völker und Volksgruppen ihr überliefertes Kulturgut zu erhalten suchen. Das slowenische Volk selbst ist dafür ein beredtes Beispiel. Und wenn dieses Bericht geschrieben wurde, so unter anderem deshalb, damit in der Diskussion über die Geschichte des "Ländchens" auch die Stimme eines Gottscheers für alle seine Landsleute zu Worte kommt und von der menschlich-tragischen Zwangsläufigkeit des Untergangs seiner Heimat kündet.

Wir wissen, daß für das Völkchen im Karst diese Heimat unwiederbringlich verloren ist. Um so mehr interessiert uns schließlich noch, ob und wieweit die Gottscheer in der Republik Österreich und in der Bundesrepublik Deutschland in die staatliche Vermögensentschädigung einbezogen wurden. Erst nach hartem Ringen mit verständlicherweise auf Sparsamkeit bedachten Behörden gelang in der Bundesrepublik die vollständige und in der Republik Österreich die teilweise Einordnung der Gottscheer Flüchtlinge und anderer Entschädigungsberechtigter in die betreffende Gesetzgebung. In der Bundesrepublik gelang es den Gottscheern nach dem Lastenausgleichsgesetz, in den USA, Kanada und Südamerika aber nach dem Reparationsschädengesetz, eine Vermögensentschädigung zu erhalten.

In der Republik Österreich sah der Gesetzgeber davon ab, für die Berechnung und Auszahlung von Kriegsfolgeentschädigung einen eigenen juristischen Komplex zu schaffen. Vielmehr wurde er in das bereits vorhandene Paket der Sozialgesetzgebung eingebaut. Gemessen an den Entschädigungen, die in der Bundesrepublik Deutschland vergütet wurden, kamen die Flüchtlinge in Österreich vergleichsweise sehr schlecht weg. Trotz aller Bemühungen der Gottscheer Landsmannschaften und des Verbandes der Volksdeutschen Landsmannschaften in Österreich, in die sich der "Südostdeutsche Rat" tatkräftig einschaltete, war nicht mehr als eine Entschädigung für die Haushaltseinrichtung und für die Gegenstände der Berufsausübung durchzusetzen. Die österreichische Bundesregierung vermochte mit Hilfe eines durchaus tragfähigen Arguments die Entschädigungsansprüche aus land-und forstwirtschaftlichem Besitz abzulehnen: Österreich war ja nicht kriegführender Staat gewesen und hatte durch die Kriegführung auf seinem Territorium außerdem selbst sehr erhebliche Schäden erlitten.

In der Bundesrepublik wurde auch der Verlust von Betriebsvermögen in den Sparten Handel, Handwerk und Gewerbe zu einem gesetzlich festgelegten Teil entschädigt. Selbstverständlich unterlagen die Gottscheer, wie der gesamte in Frage kommende Personenkreis, dem unumgänglichen, wenn auch umständlichen Prüfungsverfahren, das mit einer Antragstellung begann. Sie verfügten dabei im Verhältnis zu den Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten über den Vorteil, daß ihr in der alten Sprachinsel zurückgelassenes Besitztum aus zwei Gründen überschaubar geblieben war: Einmal wegen der verhältnismäßig geringen Ausdehnung des fraglichen Gebietes und zum anderen, weil die Gottscheer Schätzleute, bzw. Gutachter, für alle erdenklichen Fragen noch verfügbar waren. Sie wurden entsprechend den 1933 in der Sprachinsel geschaffenen Großgemeinden zu Arbeitsgruppen zusammengefaßt, also Altlag, Gottschee-Stadt und -Land (in der Bewertung wurden die beiden Großgemeinden Gottschee als Einheit behandelt), Rieg, Obermösel, Nesselthal, Tschermoschnitz (Bestandteil des Bezirks Rudolfswerth), Großgemeinde Tschernembl-Land (dazu gehörten die Gemeinde Stockendorf und das Weinbaugebiet von Meierle und Umgebung), und die Großgemeinde Cabar, zu der das Suchener Hochtal zählte. In unzähligen Sitzungen rekonstruierten die Schätzer den früheren Besitzstand der Antragsteller. Die Namen dieser verdienten Männer jedoch durften und dürfen nicht bekanntgegeben werden. - Eine gewiß kluge Maßnahme.

Ein Name muß jedoch in diesem Zusammenhang herausgegriffen werden: Regierungsamtmann Ferdinand Wittine. Wir haben diesen Namen bereits in der Bundesrepublik kennengelernt. Auf ungewöhnlich weiten Umwegen führte ihn das Schicksal an diesen Arbeitsplatz heran, von dem aus er seinen Landsleuten am meisten nützen konnte. Ferdinand Wittine wurde 1906 in Rieg geboren. Mit seiner Ausbildung geriet er in das Ende der äußerst schwierigen Nachfolgezeit des Ersten Weltkrieges. Lassen wir ihn selbst sprechen:

"Im September 1918 trat ich in das achtklassige Gymnasium in Gottschee ein. Der Krieg war kaum zu Ende, da wurde das Obergymnasium (ab der 5. Klasse) aufgelöst, die 1. Klasse aber nur mehr slowenisch geführt. Ich hatte damit das Glück, die letzte deutsch geführte Klasse besuchen zu dürfen. Nach Abschluß der 4. Klasse kam ich ins Staats-Obergymnasium nach Laibach. Hier konnte ein Gottscheer in jener Zeit nur unter größten Schwierigkeiten bestehen." - Ferdl Wittine war dann durch Jahre Amtsleiter der Großgemeinde Rieg. Damit blieb er mit seinen Landsleuten in ständigem Kontakt und konnte dadurch manchen staatlichen Übergriff mildern.

Während und nach dem Krieg war er in mehreren Berufen tätig - wie andere Landsleute auch - und landete nach großen Umwegen 1954 als Sachbearbeiter beim Ministerium für Flüchtlinge und Vertriebene in Stuttgart. Hier konnte er durch zwölf Jahre in der Vermögensfrage der Gottscheer helfend eingreifen. Die Hebung der Hektarsätze an die Wirklichkeit in der verlorenen Heimat war sein besonderes Verdienst. Er verstand es, sich gegen die Unwissenheit in seiner Umgebung durchzusetzen.

Ferdinand Wittine war, wie bereits erwähnt, Mitbegründer der Gottscheer Landsmannschaft in Deutschland und deren eifriger, langjähriger Vorsitzender. Für seine Verdienste wurde er zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Auch ist er Ehrenmitglied der Gottscheer Landsmannschaft in Klagenfurt. Vom deutschen Bundespräsidenten wurde ihm für seine Leistungen das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Die Vermögensrückerstattung an die Gottscheer ist - soweit sie überhaupt beantragt wurde - im großen und ganzen abgeschlossen. Schwierigere Einzelfälle hinken bei der Abfassung des Berichts immer noch nach. Regierungsamtmann Ferdinand Wittine stellte dem Verfasser seine Aufzeichnungen über die Zahl der eingereichten Anträge und die darin angegebene landwirtschaftliche Nutzfläche zur Verfügung, soweit sie über das Lastenausgleichs- und das Reparationsschädengesetz erstattet wurden. Insgesamt sind über den Lastenausgleich 578 und über das Reparationsschädengesetz 953, zusammen 1531 Erstattungsfälle bearbeitet und abgeschlossen worden. Dabei wurden insgesamt rund 26.000 Hektar erfaßt.

Die Erstattungsfälle in Übersee bestanden vielfach in Erbansprüchen. Die auffallend hohe Differenz zwischen den Erstattungsfällen über den Lastenausgleich und das Reparationsschädengesetz und der Gesamtfläche der früheren Sprachinsel von rund 85.000 Hektar (auf etwa 850 Quadratkilometer) läßt sich leichter erklären, als es zunächst den Anschein hat. Vor allem entfallen für die Entschädigung die 34% Weide- und Ödland. Ungefähr die gleiche Bodenfläche bedeckte der Wald. Auf das gesamte Weide- und Ödland bestand kein Anspruch. Von der Waldfläche ist der bereits seit 1930 von Jugoslawien beschlagnahmte Auerspergsche Anteil wegzulassen. Von der Gesamtfläche der ehemaligen Sprachinsel sind weiter die 8% des slowenischen Kleinbesitzes abzuziehen. Außerdem fiel der in seinem Umfang unbekannte Gemeindebesitz an den jugoslawischen Staat. Nicht in die Berechnung fällt auch der in keiner Statistik auftauchende kirchliche Grundbesitz. Für Schätzungen der beiden letztgenannten Areale liegen keinerlei Anhaltspunkte vor. Ferner abzuziehen sind die Bodenansprüche jener Umsiedler, die in Österreich ansässig geworden waren, da - wie gesagt - die Republik Österreich solche Ansprüche nicht gelten ließ. Auch dieser Bereich verschließt sich vollends einer Schätzung. Nicht wenige anspruchsberechtigte Gottscheer in der Bundesrepublik haben, teils aus Unkenntnis, teils aus Furcht vor Scherereien, ihre Ansprüche nicht angemeldet. Das Völkchen der Gottscheer wird also nie erfahren, was sein kleines Heimatland sechshundert Jahre nach der Besiedlung in Mark und Pfennig, Schilling und Groschen, Dollar und Cent wert gewesen ist. Dennoch gebührt den Männern, die viel Zeit und Kraft für diese Ermittlungsarbeiten aufwendeten, der Dank der lebenden Gottscheer.

Gottscheer und Slowenen

Das Verhältnis zwischen Gottscheern und Slowenen war durch Jahrhunderte ein gut nachbarliches. Von der ehemaligen Monarchie her gab es ebenfalls keine Trübung. Erst im 19. Jahrhundert bahnte sich eine solche durch den aurbrechenden Nationalismus an. Wie groß die Toleranz auf deutscher Seite schon im 16. Jahrhundert war, kann man im Großen Brockhaus, Band XIX, Ausgabe 1934, Seite 116, über den von den Slowenen hochverehrten Primoz Trüber nachlesen:

"Truber, Primoz (Primus Trüber), slowen. Geistlicher und Schriftsteller, geb. Rascica (Krain), 8. Juni 1508, gest. Derendingen (Württemberg) 25. Juli 1586, war Kanonikus in Laibach und Vikar in Krain und Kärnten. T. widmete sich besonders der Ausbreitung der Reformation unter den Slowenen und wurde zum Begründer der slowenischen Schriftsprache. 1547 ausgewiesen, ging er nach Deutschland, wo er den "Catechismus in der windischen Sprache' 1550 und 1556, ein Abededarium (1559, 1555) das Neue Testament (1557-1582) den Psalter (1556) u. a. ins Slowenische übersetzte und (bei Ungnad in Urach in Tübingen) drucken ließ. 1561 wurde er von den Krainischen Ständen nach Laibach zurückgerufen, mußte aber 1565 das Land wieder verlassen. Er war kurze Zeit Pfarrer in Lauffen (Neckar), seit 1566 in Deringen. Trubers Briefe erschienen 1897, hg. v. Th. Elze."

Wie schwer es allerdings einem slowenischen Intellektuellen selbst noch in jüngster Vergangenheit fiel, den Gottscheern gegenüber einen Mittelweg zwischen Vernunft, gesteuerter Toleranz und gefühlsüberfrachtetem Nationalismus zu finden, zeigt ein im Juni 1970 gehaltener Vortrag von Dipl.-Ing. Milan Ciglar. Der genannte Forstfachmann war zur damaligen Zeit Chef des slowenischen Instituts für Forst-und Holzwirtschaft in Laibach (Ljubljana). Er sprach in Gottschee zu Tiroler Forstfachleuten über das Thema "Zerfall und Neuaufbau einer Landschaft, dargestellt am Beispiel des Gottscheerlandes". Seine Ausführungen sind für die Gottscheer von hohem Informationswert. Man wird es ihnen jedoch hoffentlich nicht verübeln, wenn sie ihrem Inhalt zunächst einmal kritisch gegenüberstehen, obwohl Dipl.-Ing. Ciglar ein gewisses Streben nach Objektivität nicht abgesprochen werden kann.

Bemerkenswert ist vor allem anderen die Offenheit, mit der Milan Ciglar darlegt, was seine Landsleute aus der von den Gottscheern verlassenen Kulturlandschaft gemacht oder nicht gemacht haben. Er, der Forstmann, stellt ganz natürlich den Wald als eine mit den Menschen ringende Lebensgemeinschaft in den Mittelpunkt. Nach seiner Meinung hat sich von allen Teillandschaften Sloweniens jene des Gottscheerlandes am wenigsten verändert. Rotbuche und Tanne sind die am weitesten verbreiteten Baumarten, aber auch Fichte und Ahorn sind überall anzutreffen. Auf Seite 9 des in Maschinenschrift vorliegenden Manuskriptes schreibt Ciglar:

"Die Natur des Gottscheerlandes ist also durch einen vitalen, unzerstörbaren Wald gekennzeichnet."

Die deutsche Besiedlung der ehemaligen Sprachinsel setzt der Vortragende, historisch richtig, mit den dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts an. Als Herkunftsgebiete der Kolonisten bezeichnete er Oberkärnten und Osttirol, womit er die Forschungsergebnisse der Wiener Professoren Dr. Kranzmayr und Dr. Maria Hornung anerkennt. Von Thüringen und Franken ist allerdings nicht die Rede. Die deutschen Siedler seien in ein praktisch unbesiedeltes Gebiet eingezogen, führt er weiter aus.

Das sind bekannte, historische Fakten. Die Gottscheer horchen erst auf, wenn Ciglar auf die Frage nach den Hintergründen ihres Umsiedlungsentschlusses eingeht und sich mit dem Verhalten seiner eigenen Landsleute nach der Wiederherstellung Jugoslawiens beschäftigt.

Den Umsiedlungsentschluß beurteilt Ciglar auf Seite 15 seines Vertrages wie folgt:

"Ein entsetzliches Verbrechen brach über die Gottscheer im Jahr 1941 herein, als die gesamte deutschsprechende Bevölkerung auf Grund eines deutsch-italienischen Vertrages in das Grenzgebiet des ehemaligen deutschen Reiches in die Nähe von Brezice (Rann) und Krsko (Gurkfeld) ausgewandert ist, wo wiederum dort die einheimische slowenische Bevölkerung vertrieben worden ist. Im Fall der Auswanderung der Gottscheer Bauern ist jedermann erstaunt, daß sie, obwohl sie 600 Jahre lang an Ort und Stelle lebten, doch nicht fest wurzelten und sich offenbar nicht genügend an den Heimatboden gebunden fühlten, wobei man sich die Frage vorlegen muß, ob sie sich vielleicht schon immer als Fremde fühlten und zu kleine innere Beziehungen zu den Vorfahren hatten oder ob sie einer augenblicklichen Verblendung anheim fielen, als sie auswanderten, ob sie schon längere Zeit den Gedanken der Auswanderung in sich trugen. Für die Auswanderung gibt es sicher mehrere Ursachen, die man hier nicht im einzelnen analysieren kann."

Die vorstehend zitierte Stellungnahme Ciglars zur Umsiedlung der Gottscheer ist nach Ansicht des Autors unsachlich und ungenau. Dem Verfasser ist beim Überlesen seines Vertrages nicht aufgefallen, daß die Einleitung und der Schluß den Inhalt des Mittelteiles aufheben.

Eingang spricht der Vortragende von einem "Verbrechen", das mit einem deutsch-italienischen Vertrag über die Gottscheer gekommen sei. Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als daß die Gottscheer nicht freiwillig "ausgewandert" sind.

Ciglar ist in Gottscheer Fragen viel zu gut bewandert, als daß er diese Tatsache nicht gewußt hätte. Die durch nichts begründeten Unterstellungen, die Gottscheer hätten sich vielleicht schon immer als Fremde auf ihrem Boden gefühlt bzw. dazu keine rechte Bindung gewonnen und gegenüber ihren Vorfahren eine zu kleine Anhänglichkeit bewiesen, daß sie sich womöglich auch schon länger mit dem Gedanken der Auswanderung getragen hätten, sind daher falsch. Es wird damit versucht, die ganze Verantwortung für die Auflösung der ehemaligen Sprachinsel Gottschee ihren Bewohnern und dem Deutschen Reich zuzuschieben, während der slowenische Anteil an dem desolaten seelischen Zustand der Gottscheer von 1918 bis in das "Verbrechens"-Jahr 1941 zugedeckt wird. Ganz wohl fühlt sich der Vortragende allerdings in seiner Richterrolle über die Gottscheer nicht, sonst hätte er die Bemerkung, daß es "sicher mehrere Gründe für die Auswanderung" gegeben habe, unterlassen.

Wer ist ferner dieser "Jedermann", der über die "Auswanderung" der Gottscheer erstaunt gewesen sein soll? Etwa der Slowene, der Österreicher oder der Reichsdeutsche schlechthin? In allen drei Fällen beschäftigte sich nur ein ganz kleiner Kreis von politischen Experten bzw. organisatorisch Beauftragten mit der Problematik, die sich aus dem Vorhandensein des Gottscheerlandes ergeben hatte. Jeder dieser Kreise wußte, daß die Gottscheer, oder besser der Rest des Gottscheer Völkchens, nicht ausgewandert war, sondern umgesiedelt wurde. Die Art und Weise, wie dies geschah, ist nur aus der damaligen Zeit heraus begreifbar. Es ist unkorrekt, durch Verschweigen des Widerstandes vorzutäuschen, die Bevölkerung sei freiwillig gegangen. Die Behauptung aber, die Gottscheer hätten keine Bindung an ihren Boden besessen, ist absurd. Der Autor erlaubt sich lediglich die Gegenfrage, wie lange die Gottscheer noch auf ihrem Boden hätten verbleiben müssen, um ein Heimatgefühl zu entwickeln, wenn 600 Jahre dafür nicht genügten?

Zu den Plänen für den Wiederaufbau der zerstörten Gottscheer Kulturlandschaft fand der Chronist Ciglar nichts zu berichten, was der Leistung der deutschen Kolonisten des 14. Jahrhunderts vergleichbar gewesen wäre. Er stellte lediglich folgendes fest: "Man (gemeint sind die slowenischen Planer nach der Errichtung des sozialistischen jugoslawischen Staates, Anmerkung des Verfassers) baute ein großes, ideales Modell einer großzügig angelegten sozialistischen Landwirtschaft, in der Neusiedlung weder erwünscht noch erlaubt war.

Es leuchtet ein, daß es wenig sinnvoll gewesen wäre, die jahrhundertealte Gottscheer Wirtschafts- und Siedlungsform mit der starken Bodenzersplitterung da wieder aufzunehmen, wo die Umgesiedelten aufgehört hatten, zumal die meisten Siedlungen ja dem Erdboden gleichgemacht waren. Auch die Gottscheer hätten sich umgestellt, wenn sie nicht vertrieben worden wären. Dies war in den dreißiger Jahren bereits deutlich zu spüren.

An anderer Stelle der Seite 17 des Manuskriptes heißt es wörtlich: "In späterer Zeit kamen die Saisonarbeiter in das Land, von denen nur ein kleiner Teil geblieben war. Sie lebten mehr von Versprechungen und Erwartungen, als vom Resultat ihrer eigenen Arbeit und Anstrengung. So wechselte in jener Zeit häufig die Bevölkerung, und diejenigen, die geblieben sind, sind wohl solche, von denen man nicht immer sagen kann, daß sie sich mit dem Land verbunden fühlten".

Über die Stadt Gottschee sagte Ciglar, man habe sie modern aufgebaut, habe Straßen wie in Laibach angelegt, sowie eine Holz- Chemie- und Metallindustrie aufgebaut und damit neue Elemente in die Landschaft getragen.
Über die Zerstörung der Gottscheer Kulturlandschaften und der zurückgelassenen baulichen Eigenheiten sagte der Redner andererseits wörtlich: "Doch das Land um die Stadt Gottschee herum blieb tot, wie ein verlassener Friedhof. Die Zeit zerstörte angeblich alle Gebäulichkeiten, Dächer, Glockentürme aller Kirchlein, die alten Dorrbrunnen versiegten, die Obstbäume blieben ungeerntet, verwilderten jahraus, jahrein, mehr und mehr. Die Kapellchen und Dorflinden gerieten in völlige Vergessenheit. Die Bauherren, die alleinstehende Wald- und Jagdhäuser bauten, holten ihr Baumaterial von den alten Siedlungen und zerstörten damit die letzten Zeugen der alten Zeit. In späterer Zeit ging man dazu über, die Heiligenfiguren in Privathäuser, Kirchen und Antiquitätensammlungen zu bringen. Wer sich in den ersten Nachkriegsjahren in Gottschee einigermaßen zurecht fand, der vermochte sich allein aus den überall zugänglichen Kirchenschätzen ein ansehnliches Vermögen zu erwerben, ohne der Staats- oder Kirchenbehörde eine Rechnung zu bezahlen."

Den "vorstürmenden Wald" schildert Milan Ciglar seinen Tiroler Fachkollegen folgendermaßen: "Aber die gewaltigste Veränderung hatte nach dem Kriege niemand bemerkt, sondern erst zehn Jahre darnach, die unaufhaltsame Zurückeroberung der landwirtschaftlich genutzten Flächen. Die Uranfänge dieser Zurückeroberung gingen schon auf die Zeit vor hundert Jahren zurück, auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg .. . Selbst für den flüchtigen Kenner der Gottscheer Verhältnisse ist dieses Vordringen von Wald ein Vorgang von geradezu phantastischem Ausmaß. Man kann mit Sicherheit behaupten, daß der Wald inzwischen etwa 30.000 Hektar, rund 300 Quadratkilometer, also ein Drittel der Gottscheer Gesamtfläche erobert hat." Seit dieser Schätzung aus dem Jahre 1970 dürften mindestens 36.000 bis 37.000 Hektar geworden sein. Der Laibacher Diplomingenieur fährt fort: "Angesichts dieser Tatsache muß man sich nun vorstellen, wie dieses Gebiet in weiteren dreißig Jahren aussehen wird, nichts als Wald, Wald, überall Wald."

Bis hierher reichte die Lebenskraft des Autors. Erich Petschauer starb am 6. September 1977.

Er wußte um dieses Schicksal und hat seinen Bruder gebeten, das Schlußkapitel "Der Kreis schließt sich" nach seinen Angaben und in seinem Sinne zu Ende zu bringen.

Hermann Petschauer hat ihm seine letzte Bitte erfüllt.